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oitalismus ohne weiters herübernehmen, wie sich besän- ,ders aus seiner weiter unten zu besprechenden Vorstellungvon Gott ergibt.
Wie steht es weiter mit dem Ausgangspunkt?Das Weltall bewegt sich; woher der Beweis, daßes sich selbst bewegt? Ist vielleicht beides eins?Wir finden diese Bewegung in ihrem Gangevor. Soll etwa darin der Beweis liegen, daß sie eineSelbstbewegung ist? Dann gilt für mich eine Uhr, dieich im Gange finde, als selbstbewegt und belebt, sowiejeder Fluß, dessen Lauf ich mich nähere. — Soweit wirdie Bewegungen der Himmelskörper kennen, folgen siemechanischen Gesetzen. Folgt etwa daraus, daß dieGesammtbewegung eine lebendige ist? Oder verlierendie Einzclbewegungen dadurch, daß die Gesammt-bewegung ohne weiters als lebendige, als Selbst-bewegung genommen wird, ihren mechanischen Charakterund werden lebendige? Wo wir eine Bewegung in derNatur treffen, da finden wir Bewegtes und Bewegendes:wer gibt das Recht, die Gesammtnatur" als lediglich be-wegend, als sich selbst bewegend zu behaupten, wennnicht der erste Beweger (der aristotelische „unbewegteBeweger") durch eine kühne xotitio xrinoixii in dieNatur und in die passive Bewegung mit hereingezogenwird, also seine reine Aktivität verliert? An einen An-fang der Bewegung kann man Hiebei auch nicht denken,sie ist einfach gegeben, ewig. Die hieraus sich er-gebenden Conscquenzen will ich nicht weiter verfolgen.Von einer Selbstbewegnng legt allein das menschlicheBewußtsein Zeugniß ab. Aber gerade diese Selbst-bewegnng, die sich im seelischen und geistigen Leben desMenschen kundgibt, muß der Neovitalismus leugnen; erkann sie nicht als eigentliche Selbstbewegungfassen, sondern nur als Folge, also als Wirkungder Gesammtselbstbewegung des Weltganzen. SeineGrundanschauung fußt ja in der potitio xrinoixii, daßalle Bewegungen der lebenden Wesen dieselben sind wiedie des Weltganzen. Würde der Neovitalismus von dereinzigen Selbstbewegung, die wir beobachtenkönnen, von der menschlichen, ausgehen, dannwürde er zu ganz anderen Resultaten gelangen.
Schon das Thierleben (um vom Menschenleben nichtweiter zu reden) zeigt Bewegungen, die sich von den imWeltall der Beobachtung zugänglichen Bewegungen dia-metral unterscheiden. Man nehme einfach das Beispieleines in die Luft geworfenen Steines und eines in dieLuft geworfenen lebenden Vogels t Von der in der Be-wegung des letzteren sich zeigenden Willkür findet sich inden bis jetzt beobachteten Bewegungen im Weltall keineSpur. Soll man daraus etwa gar schließen dürfen,baß sie sich in den nicht beobachteten oder gar in dender Natur der Sache nach gar nicht der Beobachtung zu-gänglichen, d. h. den uranfänglichen, ewigen findet? Esbleibt da für den Neovitalismus nur die unbeweisbareAnnahme übrig, daß sich Las Weltall ein- für allemalfür seinen gegenwärtigen Bewegungsgang selbst (will-kürlich) bestimmt hat.
Kein sterbliches Auge vermag das Weltganze miteinem Blicke zu umfassen. Und doch die Ueberzeugungvon seiner Selbstbewegung mit den weiteren auf sie ge-bauten Behauptungen! Was wir als Ganzes nicht er-fassen, von dem dürfen wir als Ganzem nur dann etwasbehaupten, wenn uns die Einzelbeobachtungen dazu be-rechtigen. Nicht aber dürfen die allein maßgebendenEinzelbeobachtungen von vorneherein und ohne Grund
eine bestimmte Färbung und Bedeutung von einer vor-gefaßten Meinung bezüglich des Ganzen erhalten. Wereinen Menschen von vorneherein für einen Taugenichtsoder einen Tugendbold hält, der findet den Widerscheindavon leicht in den einzelnen Handlungen desselben.
Die Grundanschanung des Neovitalismus beruhtalso auf einer xatitio xrlneixii und. demzufolge aufeinem logischen Zirkel. Ohne Beweis steht ihm fest:Das Ganze ist belebt. Daraus folgt freilich logisch, daßauch die einzelnen Theile belebt sind. Die einzelnenTheile müssen also, mögen sie auch wie immer sein,als belebt genommen werden, damit von ihnen (vor-sichtige) Rückschlüsse auf das Ganze möglich sind. Wozudenn überhaupt solche Rückschlüsse, wenn man sich über -das Ganze schon klar ist? Heißt das etwas anders, alseine aufgestellte Behauptung aus dem beweisen, was nurdurch sie gewiß ist?
(Schluß folgt.)
„Negensburg in seiner Vergangenheit undGegenwart."*)
(Bearbeitet von Hugo Graf von Walderdorff.)
Negensburg, in der Herzgegend Bayerns gelegen, ineiner Gegend, die „eine Stadt Herlocken mußte," — einCompliment, das man Goethe nie vergessen wird —,vor alter Zeit die Hauptstadt des Landes, Jahrhundertelang eine Centralstätte der Cultur, Sitz zahlreicher Stifterund Klöster, berühmter Bischöfe, blühender Geschlechter,oftmals der Versammlungsort der Stände des heiligenrömischen Reiches: darf sich einer Vergangenheit rühmen,wie wenige der Schwesterstädte im engeren und weiterenVaterlande. Und hat auch sein Stern längst den Zenithüberschritten, er steht noch in achtunggebietender Höhe;und der Glanz der Vergangenheit, krystallifirt in herrlichenmonumentalen Werken aus allen Perioden der christlichenAera, wie die Blüthe der Gegenwart vereinigen sich dortan der nördlichsten Biegung der Donau zu einem deranziehendsten Städtebilder im südlichen Deutschland .
„Negensburg in seiner Vergangenheit und Gegen-wart" ist soeben Gegenstand einer Beschreibung geworden,die der geschichtlichen und kulturellen Bedeutung der Stadtin jeder Beziehung entspricht und ohne Umschweif alsmustergiltig in ihrer Art anerkannt werden muß.
Der Verfasser, Graf Hugo von Walderdorff, seitJahrzehnten mit der Geschichte der Stadt in eingehenderWeise beschäftigt, hatte bereits im Jahre 1869 bei Ge-legenheit der Generalversammlung der deutschen Geschichts-und Alterthums - Vereine einen dankbar aufgenommenenWegweiser durch Regensburg erscheinen lassen. Nunmehr,in der 4. Auflage, ist die Schrift zu dem respektablenUmfange von ungefähr 700 Seiten angewachsen unddamit ein Hausbuch geworden für jede BürgerSfamilie,ein vorzüglicher Führer für alle jene Fremden, derenInteressen den gewöhnlichen Horizont überragen, ein un-entbehrliches Ortentirungsmittel für den Geschichtsforscherund Kunstfreund.
Bei dieser neuen Auflage, welche sich gegen die un-mittelbar vorausgehende um mehr als das Doppelte ver-größerte, hatte sich der Verfasser die Aufgabe gestellt,nicht nur der emsigen Lokal- und Spezialforschung aufhistorischem Gebiete, welche gerade in Negensburg einensehr ergiebigen Boden fand, auf allen Punkten zu folgen,
*) Vierte, vollkommen umgearbeitete und vielfach ver-mehrte Auflage. Negensburg, Fr. Pustet, 1896. ö M-