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„Augsburger Postzeitung".
98 .
Dinstag, den 4. Dezember
1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabberr in Augsburg tBorbescher Dr. Mar Huttler).
Advent.
Die Stunde ist da, wo wir vom Schlafeerwachen sollen.
Aus der Adventcpistel Röm. 13, 1t.
Kehre wieder, hoher Meister,
Klopfe bei den Herzen an.
Führ' zum obern Bund der GeisterUnsers Lebens stille BahnlViele schlummern und entschlafen,
Weckst Du sie, wird's ihr Gericht,
Aus den Stürmen in den HafenBringest Du nur und Dein Licht.
Darum, Seele, heißes SehnenSchick' nach Deinem Heiland aus,
Ringe um ihn unter Thränen,
Schmücke für ihn gern Dein Haus.
Nur dem, der geduldig laufet,
Wird der Siegeskranz gereicht,
Vor dem Leiden, das ihn taufet,
Auch der Menschensohn nicht weicht.
Wie Dein Kind sich selig freuetUnd die Tage täglich zählt,
Wo das alte Fest sich neuet,
Welt und Himmel wird vermählt:
Also laß ein WeihnachtswehenLind auch säuseln durch's Gemüth,
Wenn die Sterne oben stehenUnd der Abend sanft verglüht.
Doch stell' immer Dich äuf's NeueHin zum Herrn und seinem Dienst,
Frag' Dich richtend, ob in TreueSeinem Auge Du erschienst.
Festlich oft die Lampen brennenIn der ersten Wartezeit,
Den nur wird der Bräut'gam kennen,
Der bis Mitternacht bleibt bereit.
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Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.
(Fortsetzung.)
VI.
Kaiser Heinrich in Hildesheim.
llnd rauichcnd wnt's wie Meeresbranden,Wo sich das Volk in Festg. wanden,
Des Feierzuges harrend, drängt.
Schall.
Wer die Stadt Hildesheim seit drei Jahren nichtgesehen hatte, der erkannte sie, da man die Zahl Ein-tausend und drei schrieb, nicht wieder.
Bischof Bernward hatte nach seiner Rückkehr vonRom die Hauptstadt seines Sprengels mit mächtigenRingmauern, Thürmen und Thoren umgeben, so daßHerr Thangmar, der Vielgereiste, nicht mit Unrecht be-hauptete, im ganzen Sachsenlande finde er an Schönheitund Festigkeit nichts Aehnliches wie Hildesheim.
Statt der grauschillernden Holzdächer leuchtete demstaunenden Ankömmling feuerfeste rothe Ziegelbedachungentgegen; und wenn er die Stadt betrat, so nöthigtenherrliche Kunstdenkmäler ihm Bewunderung ab. Handelund Verkehr waren im Schutze der neuen Befestigungrasch gediehen. Alles hatte sich zu reicher Blüthe ent-faltet. Ganze Stadttheile waren entstanden, ja sogarvor den Mauern mehrten sich neue Ansiedelungen. AuchHerbergen zur Aufnahme fremder Gäste waren in Fülleerbaut worden.
Solche genügten aber in der Woche vor dem Palm-sonntage des Jahres Eintausendunddrei nicht, um allezu fassen, so hier Unterkommen heischten. Aus allenGegenden des Sprengels strömten Völker zusammen.Sie wollten ihren neuen Kaiser sehen, den frommenKaiser Heinrich, der dem Bischof Bernward seinen Besuchangekündigt hatte. Am Vorabende des Palmsonntagssollte der hohe Herr in Hildesheim eintreffen.
Die Stadt war mit Gästen überfüllt. In der Dom-schenke besonders ging es laut und lustig zu. Der dickeWirth schmunzelte vergnüglich, denn heute umschloß derDomschenke Gewölbe Leute, die sonst während des Jahresniemals diese Schwelle überschritten Adelsherren desStiftes, ja sogar Kunstschüler, so bisheran fern gebliebenwaren, drängten sich mit Bürgern der Stadt und miteinfachen Landleuten um die langen Eichentische. Hinterhohen Steinkrügen und schweren Humpen besprachen sieeinträchtig mit lebhaften Worten das Ereigniß des Tages.