101 . Ireitag, den 14. Dezember 1894 .

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).

Ueltev Zlngo.

Nach dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunn.

lNachdruck verbeten.)

1. Kapitel.

Chprian Hays Hetrath war gewiß eine romantische,obschon in ruhiger Weise. Wenigstens war dieselbe mitungewöhnlichen Vorfällen verknüpft, weßhalb sie denHauptpersonen romantisch vorkam, was auch die Zuschauerdenken mochten. Die Letzteren sahen nur, daß ein vier-zigjähriger Hagestolz mit an den Schläfen ergrauendemHaar eine Frau nahm, welche weder in der ersten Jugendwar, noch eL zu sein schien.

Hierin lag die Romantik. Schon zwölf Jahre vorihrer Verheiratung hatten sich die hübsche MargaretheGrimthorpe und Chprian Hay in einander verliebt. Erwar ein schöner junger Mann, in dem reichen Kauf-mannshause seines Onkels beschäftigt; sie war ein reizen-des zwanzigjähriges Mädchen, so wohlerzogen und ein-nehmend, daß es wenig in Betracht kam, sie sei nur dieTochter eines Knabenschuldirectors und besitze nichts alsihr liebliches Gesicht. Der junge Hay würde bald fürsie beide genug haben. Gleichen galt unbestritten alsdie Schönste in ihrem Kreise. Sie waren ein prächtigesPaar. Von allen Seiten kamen Glückwünsche, und dieLeute sagten, die Hochzeit werde bald stattfinden.

Aber als alle Leute den Verstand des jungen Hayund^Gretchens Schönheit priesen, vergaßen sie zwei be-deutende Steine des Anstoßes aus dem scheinbar ebenenWege zum ehelichen Glück. Man sagt, Eifersucht seiein verhängnißvolles Zeichen wahrer Liebe, und ChprianHay war eifersüchtig. Gleichen hatte eine stolze, leichterregbare Gemüthsart; manche nannten sie zu unabhängig.

Drei Monate nach der Verlobung ereignete sichFolgendes: In einer Gesellschaft machte ein von Reisenzurückgekehrter junger Seeoffizier der reizenden Braut inauffallender Weise den Hof, so daß Chprian Hay dieseAufmerksamkeiten für einen Eingriff in seine Rechte an-sah. Ex sagte ihr das, als er sie am nächsten Tagebesuchte, und ihr Blick voll kühner Schelmerei bei seinenVorwürfen goß Oel in das Feuer seines Zornes. Auf-geregt sprach er die unglücklichen Worte aus:Sietreiben gefallsüchtig ein abscheulich loses Spiel mit demManne. Margarethe, bedenken Sie in Zukunft, daß ichso etwas nicht erlaube."

Der schalkhafte Blick entwich aus Gretchens braunen

Augen. Ihre rosigen Wangen sie hatte damals sehrschöne Farben erbleichten, und das Grübchen nebenihrem linken Mundwinkel verschwand blitzschnell. Sierichtete ihre schlanke Gestalt stolz auf bei den Worten:Chprian, ich lasse mich von keinem Manne beschuldigen,ein loses Spiel zu treiben. Und ich sage Ihnen, daßSie in Bezug auf meine Handlungsweise nichts zu er-lauben oder zu verbieten haben." Darauf antworteteer ruhig:Es scheint mir, Fräulein Grimthorpe, IhreSelbstachtung, ohne die Achtung vor meiner Wenigkeitzu erwähnen, hätte Sie veranlassen sollen, den Bengelgestern Abend in anständigen Schranken zu halten, an-statt ihn zu ermuthigen."

Sie entgegnete tieserröthend:Erinnern Sie sichgefälligst, Herr Hay, daßder Vengel" mein Vetter undJugendgespiele ist. Ich kann nicht dulden, daß beleidi-gend von ihm gesprochen wird."

Er fragte wüthend:Erwarten Sie vielleicht, daßich Ihr Vergnügen über seine Aufmerksamkeiten theile?"

Sie sagte spöttisch:Ich sehe wirklich nicht ein,warum Sie das nicht thun sollen."

Soll ich neben ihm herlaufen? Soll ich ihn wieeinen Pudel um Sie herumtanzen lassen?"

Ein gutes Einvernehmen wäre für uns alle an-genehm."

O, sehr angenehm! Ganz reizend! Entzückend!Jedoch ist es mir nicht angenehm, Margarethe! Ichkann solche Anmaßung nicht ertragen. Wenn unserBündniß nicht gestört werden soll, so müssen Sie mirversprechen, daß Sie jedes Zusammenkommen mit diesemManne in Zukunft vermeiden. Wollen Sie es ver-sprechen?"

Nein", sagte sie entschieden,ich will nicht, denn" sie athmete zitternd tief aufauch ich kann solcheAnmaßung nicht ertragen."

Es scheint keine Aussicht auf unser Einverstänbnißda zu sein, Fräulein Grimthorpe, also wäre es vielleichtbesser, daß wir uns trennen."

O, viel besser, Herr Hay! Es ist Zeit für mich,zur Vesperandacht zu gehen" (dieser hübsche Streit fandam Sonntag statt),also ich wünsche Ihnen gutenAbend," schloß sie mit einer anmnthigen Verneigung.

Er verbeugte sich so höflich, als ob der Zorn nichtin ihm koche; dann ging er aus dem Hause und mithochgetrageuem Kopf die Straße hinunter. Sie beob-achtete ihn am Fenster verstohlen und mit Thränen