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friedenheit war,jetzt ist's gar und ich verkaufe auchnicht eine Elle Tuch mehr, selbst wenn der Herr Bürger-meister käme, würde ich ihm versetzen, sich anderswohinzuwenden, denn das Kaufhaus Kornelius Splengerexistirt jetzt nur noch in der Erinnerung der alten Straß-bürger Bürger."

Und in der Mitte des noch mit ganzen Bergen vonTuchballen angefüllten Ladens stehen bleibend, stellte ertiefe Betrachtungen an über seine fünfzigjährige Arbeit,die jetzt ein bloßes Umdrehen des Schlüssels zum Ab-schluß brachte. Noch sah er im Geiste seinen GroßvaterMartin mit dem gutmüthigen Gesichte, der weißen Pe-rücke und der großen, messingenen Brille hinter demPulte sitzen, während er sich selbst sah, wie er als kleinerJunge lustig durch den Laden hüpfte und ihm sein VaterAnton und seine treffliche Mutter mit wohlgefälligenBlicken lächelnd nachsahen.

Angesichts dieser langen, während eines halbenJahrhunderts mit Ehre und Ehrlichkeit erfüllten Pflichtsagte er sich im Gefühle gerechten Stolzes:

Nein, Kornelius, Du hast Dich so edler Vorfahrennicht unwerth gemacht, das ist schön, und Du Alterkannst Dich nun getrost der Ruhe hingeben."

II.

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sich dieGlasthüre des Hinterladens öffnete und ein ungeheurerStrauß von Feldblumen zum Vorschein kam, den ihmeine unsichtbare Hand darbot. Er war so groß, dieserStrauß, daß es Kornelius nie gelungen wäre, heraus-zufinden, wer die räthselhafte Person sei, welche dieseBlumen seinen Blicken entzogen, wenn nicht plötzlich einschelmisches Lachen den Schleier des Geheimnisses gelüftethätte. Im selben Augenblick tauchte auch ein blonderLockenkopf hinter dem Strauße auf, während sich zweiArme zärtlich um den Hals des alten Kaufmannsschlangen und eine helle Stimme ihm sagte:

Ich wünsche Dir alles erdenkliche Gute zu DeinemNamenstag, Papa, denn heute ist Kornelius."

Es war seine Tochter Margarctha Splenger, dieeinzige Erbin des Herrn Kornelius, welche sich so plötz-lich in die Arme des Vaters geworfen, höchlich erfreutüber die angenehme Ucberraschnng, die sie dem bravenManne bereitet hatte.

Und hinter ihr, halb versteckt von der Thüre, be-merkte Kornelius seine alte Haushälterin Katharina, dieschon seit fünfnndfünfzig Jahren im Dienste bei Splengerstand, unter Vater und Sohn, und deren runzeligesAngesicht, eingerahmt von silberweißem Haar, im Glänzeinnerer Zufriedenheit erstrahlte.

Wie," rief Kornelius,heute soll mein Namenstagsein? Wo bin ich denn mit meinen Gedanken, daß ichein so wichtiges Datum vergessen konnte?"

Indem er dann wonnigen Gefühles in vollen Zügenden süßen Duft der Blumen, in denen seine Nase völligverschwand, einathmete, sprach er zu sich selbst:

Das fängt schön an, Kornelius, das sängt schönan, wenn Du jetzt schon, gleich am ersten Tage, Dingevon solcher Bedeutung vergessen kannst."

Die alte Katharina war indessen in den Ladengetreten und darauf entsann sich Kornelius plötzlich, daßer noch nie verfehlte, ihr bei solcher Gelegenheit fürihre guten Wünsche, welche dem Herzen entsprangen, zu

danken, indem er sie da ganz einfach in seine Armeschloß und küßte. . .

Während sie weinte wie ein Kind und ihrem Herrnnoch den Wunsch ausdrückte, ihm noch wenigstens zwanzigJahre zum Namenstag gratulieren zu können, gingenalle drei in den Hinterladen.

Kornelius hatte heute einen doppelten Grund, sichgroßmüthig zu zeigen. Darum holte er auch aus demfinstersten Kellerwinkel eine FlascheStaubigen" ausdem Jahre 45,Kitterle" genannt. Und die drei feiertenangemessen den Namenstag und zugleich den ersten Tagdes Rücktrittes des alten Tuchhändlers, der mit Kenner-miene und in kleinen Zügen den süßen Nektar schlürfte.

III.

Plötzlich ließen sich im Hausgnnge Tritte hören,und eine Hand rüttelte heftig die Ladenthüre, welcheKornelius für immer geschlossen hatte.

Donner und Doria, das fehlte gerade noch!"brummte der alte Tuchhändler;wenn es Käufer sind,wie ich vermuthe, können sie unverrichteter Dinge wiedergehen, dafür garantire ich."

Als der Besucher, der augenscheinlich nicht mit all-zugroßer Geduld gewappnet war, festgestellt hatte, daßdie Thüre fest verschlossen sei, begann er mit beidenFäusten an der Thür zu trommeln, was Kornelius nochvollends um seine gute Laune brachte.

Nur ein klein wenig Geduld," brummte er, in-dem er den Laden durchschritt,man kommt, meineHerren, nur eine Minute wenigstens, zum Athemholenl"Eine Drehung des Schlüssels, diesmal in der entgegen-gesetzten Richtung, die Thüre öffnete sich und Korneliusbefand sich einem jungen Manne von etwa zwanzigJahren und elegantem Aeußeren gegenüber, denselbensofort als Ludwig von Huntheim, den Sohn des Bür-germeisters, erkennend. . .

Guten Morgen, Herr Splenger," redete ihn derBesucher an, indem er seinen Hut lüftete und sich tiefverneigte.Sie feiern heute wohl Namenstag, weilIhr Laden jetzt um zehn Uhr noch nicht offen ist."

Kornelius, den diese plötzliche Erscheinung etwasaus der Fassung gebracht hatte, um so mehr noch, alsauch der alteKitterle" nicht dazu angethan war, ihmden Kopf zu klären, stockte und wußte nicht, was er thunsollte. Hatte er nicht bei Stein und Bein geschworen,daß er auch nicht eine Elle wehr verkaufen wollte, selbstnicht einmal dem Bürgermeister?

Endlich, nach einigen Augenblicken schneller Ueber-legung, siegte doch der Kaufmann in ihm, Dank demunumstößlichen Vernunftschluß, daß eine Viertelmillionzwar ein sehr respektables Sümmchen sei, daß aber fünfzigoder hundert Thaler mehr noch besser ist.

Bitte, bemühen Sie sich herein, mein Herr, ichstehe ganz zu Ihre» Diensten," sprach er unter einemBückling, dem es an der gebührlichen Eleganz nichtmangelte.

Wirklich verkaufte Kornelius Splenger trotz seinesSchwures an den Sohn des Bürgermeisters von Straß-burg fünfzehn Ellen Tuch von kastanienbrauner Farbeim Preise von neun Thaler pro Elle zu einem Rock mitlangen Flügeln, nach der neuesten Pariser Mode, undzu einem großen Mantel, wie man sie damals trug.

Es ist einerlei," meinte Kornelius, nachdem erdas Tuch auSgemessen,doch ich glaube, daß ich nichts-