destoweniger wohl daran thue, mich von den Geschäftenzurückzuziehen, ich bin kaum mit dem Ausmcsscn derverdammten fünfzehn Ellen fertig geworden. . ." DeralteKitterle" war dem guten Alten in den Kopf ge-stiegen. . .

IV.

Zwei Tage später saß KorneliuZ Morgens zehnUhr in dem kleinen Speisezimmer in der Schlossergasseund rauchte gemüthlich seine Pfeife, als mit einem Maledie alte Katharina wie ein Sturmwind hereinstürmte.Ihre Haube saß auf dem Ohr, ihr Blick war verstört.

Jesus, Maria und Josef," stöhnte sie,was fürein Unglück I Was hab' ich in der Stadt Neues erfahren mit unserem guten Rufe ist's ausl"

Sie sank auf einen Stuhl nieder und begann lautaufzujammern, dabei ihre dürren Fäuste ballend und nachallen Richtungen hin drohend.

Elendes Halunkenpack," rief sie,das haben wirnun für unsere ehrliche Arbeit während so langer Zeit,in der wir Niemand um einen Pfennig betrogen. DasSprichwortZu gut ist ein Stück der Liederlichkeit"hat recht, und wenn wir noch einmal anzufangen hätten,müßte die Sache aus einer anderen Tonart gehen."

Aber was gibt es denn eigentlich, Katharinas"unterbrach sie Kornelins mit der ihm eigenen Gemüths-ruhe.Was ist denn das für eine schlimme Neuigkeit,die Ihr in der Stadt aufgefischt habt?"

Die alte Magd erhob sich, ihre Augen blitzten, unddie Fäuste nach hinten gerichtet, rief sie:

Aber, Herr Kornelius, wissen Sie denn noch nicht,daß in der ganzen Stadt Straßburg seit gestern dasGerücht geht, Kornelius Splenger, der alte Tuchhändlerin der Schlossergasse, ist ein Dieb, ein Betrüger, der denKerker und die Galeeren verdient? Und von dem allemwissen Sie noch nichts s . . . Nun gut, morgen pfeifenes die Spatzen auf dem Dache, und überall wird mandavon sprechen."

Bei dieser unerwarteten Enthüllung wurde Korneliusbleich wie ein Todter und stammelte:

Was sagtJhr mir da? Hab' ich recht verstanden,Katharina? Schnell, heraus mit der Sprache!"

Jetzt begann Katharina zu erzählen, Thomas, derSchneider des Herrn von Huntheim, habe gestern Abendbeim Messen des Tuches gefunden, daß es nicht fünf-zehn, sondern nur elf Ellen waren und da das Packetnirgends geöffnet worden sei, so könne kein Anderer alsdieser Schelm von Kornelius aus der Schloffergasse denBetrug begangen haben. Das gab nun dem SchneiderThomas, der dem biederen Tuchhändler schon lange nichtmehr grün war, weil er ihm keine höhere Provision ge-währen wollte, Gelegenheit, sein Müthchen zu kühlen,indem er allen, die es wissen wollten, wiederholte, daßKornelius Splenger dieses Spiel schon seit fünfund-zwanzig Jahren treibe und es so nicht schwer sei, einVermögen von einer Viertelmillion zusammenzuraffen.

Und von Neuem begann die alte Katharina zulamentieren und gegen den lumpigen Schneider zu wettern,dem sie am liebsten gleich den Hals umgedreht hättewegen seiner grenzenlosen Frechheit, ihren ehrenwerthenHerrn so bodenlos zu verleumden.

V.

Das Kinn in die Hand gestützt, stand Korneliusda, versunken in ein Gewühl von ernsten und tiefen

I Gedanken, und von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelnd wieein Mann, der vergebens die Lösung eines schwierigenProblems sucht.

Ich, Kornelius Splenger, der Sohn und Enkelder rechtschaffensten Kaufmannsfamilie der Stadt, derenguter Ruf sich bis hinüber zum Schwarzwald verbreitethatte, ich soll meine Ehre verloren haben! . . . Nein,das ist nicht möglich, man hält mich zum Besten, undsicher haben sie mir einen bösen Streich spielen wollen."

Während er so mit sich selbst sprach, ging er mitkleinen Schritten hin und her, hielt aber zuweilen innewie um besser nachdenken zu können.

Wenn Du indeß Dich doch geirrt hättest, Korne-lius?" setzte er sein Selbstgespräch fort.Möglich wärees ja gewesen, denn die Sehkraft läßt nach, und mitdem Gedächtniß ist es auch nicht weit her."

Plötzlich schlug sich der alte Tuchhändler vor dieStirn, die ängstliche Beklommenheit war gewichen, neuerMuth belebte sein Herz und mit einem kräftigen Faust-schlag auf den Tisch rief er:

Gott sei Dank, jetzt bin ich mir klar in der Sache."

Weiter kam er nicht, denn die Thüre öffnete sich,und herein trat Katharina in höchster Aufregung, weildie Nachbarin Walter, diese Gans und Winkelbäckerin,gesagt habe, der Schneider Thomas hätte nicht so ganzunrecht gehabt. . .

Und hinter ihr kam mit rothgeweinten Augen Fräu-lein Margaretha und setzte sich schluchzend in eine Ecke.

Was Kornelius anbetrifft, der jetzt ruhiger war alsvordem, so nahm er Hut und Mantel vom Haken, kleidetesich langsam an und ging ohne eine Wort zu sagen fort,die beiden Frauen in ihrem Erstaunen zurücklassend.

VI.

Er blieb lange aus, und während seiner ganzenAbwesenheit hörte das Jammern im Hinterlader: in derSchloffergasse nicht auf.

Ehre und Ruf verloren! Mein Gott, womit habenwir solche Schmach verdient, was haben wir denn ge-than?" klagte Fräulein Margaretha mit von Thränenerstickter Stimme.Das wird die Gesundheit meinesVaters untergraben und meine Zukunft vernichten, dennwer wird mich jetzt noch ansehen mögen? Man wirddie Augen von mir abwenden, wenn man mir begegnet,mit den Fingern auf mich deuten und hinter mir flüstern:Das ist die Tochter des Betrügers Splenger aus derSchloffergasse.""

Da öffnet sich die Thür, und herein tritt Kornelius,ein triumphirendes Lächeln auf den Lippen und gefolgtvon einer in einen kastanienbraunen Mantel gehülltenPerson, deren Gesichtszüge jedoch in Folge der eintreten-den Dunkelheit nicht mehr zu erkennen waren.

Hinweg mit den Thränen und den Lamentationen!"rief Kornelius, ohne lange Umstände zu machen.Hierstelle ich Euch den Herrn von Huntheim vor, der auskeinem geringeren Grunde kommt, als dem, um die HandMargaretha's anzuhalten. Er wird sich zu den Glück-lichsten der Männer zählen, wenn er Erhörung findet."

Und während Kornelius seiner zitternden Tochterden unerwarteten Freier entgegenführte, sagte er zuKatharina, die stumm und starr vor Staunen war:

So, meine gute Katharina, und nicht andersordnet KorneliusSplenger verwickelte Geschichten. Dievier Ellen Tuch, welche fehlten, sind auf Rechnung