794

1

i-

! i ^

r!

Wendungen mit der sonderbaren Miene der Verwirrungoder Furcht, welche er in letzter Zeit oft an ihr be-merkt hatte.

»Ich ich fürchte, mein Lieber," stotterte sie,ichwerde nicht kommen können; ich habe keine Zeit."

Was?" rief Cyprian Hay halb lachend, halb ärger-lich.So viel ich weiß, hast Du auf der Welt Gottesnichts zu thun, als das Essen anzuordnen und Dir dieZeit angenehm zu vertreiben. Ich sollte meinen, diesePflichten lassen Dir Muße genug, um in das Concertzu kommen."

Natürlich möchte ich gern," sagte Frau Hay hastig,und wenn ich es vorher gewußt hätte, konnte ich ichmeine nun ja, da Du so freundlich die Billcte be-sorgt hast, muß ich kommen; aber jetzt Adieu, lieberCyprian! Halte mich nicht auf! Ich bin beschäftigt."

Beschäftigt! Womit denn? wunderte er sich. Dasverständige und sehr gewandte Stubenmädchen ging durchden Hausflur, als er Hut und Handschuhe nahm. Erhatte vier gut bezahlte Dienstboten; dieselben sollten derHausherrin nicht so viel zu thun lassen.Ich hoffe,Walpurga, " sagte er,Du überlässest meiner Frau keineArbeit, bei welcher sie sich während meiner Abwesenheitermüdet."

O nein, gewiß nicht, Herr Hay," antwortete Wal-purga ,ich besorge alles, was Madame befiehlt. Siebraucht gar nicht nachzusehen, sobald ich weiß, daß etwaszu thun ist."

Wunderlich! Das stimmte nicht mit den Wortenseiner Frau überein. Der Widerspruch in den beidenAngaben quälte Herrn Hay den ganzen Morgen inseinem Comptoir; derselbe quälte ihn auch Nachmittagsim Concert, obgleich sein Gleichen zur rechten Zeit undin heiterer Laune ihm zusammentraf und mit sich überdie Mustkaufführungfreute. Jedoch während des folgen-den ganzen Abends war sie die liebenswürdigste Haus-frau; ihr Mann dachte, alles, was sie sage oder thue,müsse richtig sein, und seine Unruhe wurde eingeschlä-fert. Nach einigen Tagen wurde er heftig aufgeschreckt.

Margarethens Kopfschmerzen waren wieder zurück-gekehrt oder aus einem anderen Grunde sah sie einesAbends sehr angegriffen aus. Cyprian konnte nicht schla-fen, weil er über ihre Blässe nachdachte."

Ich glaube, meine Liebe," sagte er am nächstenMorgen, einem schönen Septembertage,Du gehst nichtgenug aus, während ich in der Stadt beschäftigt bin.Du siehst aus, als sei Dir mehr Bewegung in der Luftnöthig. Hast Du gestern einen Spaziergang gemacht?"

Ja, Cyprian, danke. Darf ich Dir noch Kaffeeeingießen?"

Nur eine halbe Tasse. Ich meine einen weitenSpaziergang. Sage mir, wohin Du gestern gegangenbist?"

Zu einer ich besuchte ich machte einen ganzhübschen langen Ausgang."

Ah, aber wohin?"

So weit, als ich gehen wollte, Cyprian," ant-wortete sie mit wirklicher oder angenommener Schalk-haftigkeit,also frage mich nicht mehr. Sieh, es istgleich neun."

Mochte es neun sein, Herr Hay hatte keine Lust,mit seiner gewöhnlichen raschen Pünktlichkeit nach derBahnstation zu gehen. Warum konnte seine Frau ihmnicht einfach sagen, wo sie gewesen war?

Also willst Du es mir nicht erzählen?" fragteer, mit umwölkter Stirn aufstehend.

Cyprian, Du quälst mich," sagte sie ebenfallsaufstehend.Ach, du meine Güte!" Sie fuhr mit derHand über ihr Gesicht.Ich glaube, ich bekomme Neur-algie."

Ich will Dir einen Vorschlag machen," sagte ihrMann, von plötzlicher Reue ergriffen.Du brauchstLuftveränderung. Packe heute unsern Koffer, wir werdenmorgen eine Vergnügungsreise nach Paris machen undwerden dort am Donnerstag meinen Geburtstag feiern.Willst Du?"

O, bitte, nein," antwortete sie schnell,ich möchteviel lieber zu Hause bleiben, ich muß zu Hause sein.Später kannst Du den Ausflug machen, wenn Du eswünschest."

Mein Gleichen, nur um Deinetwillen wünsche ichdie Reise."

Dann erwähne es nicht mehr," sagte sie bittend,es ist mir durchaus nicht nöthig. Warum" siespielte unruhig mit einer Gloxenia in der Vase auf demFrühstückstischewarum bleibst Du diesen Herbstnicht zu Hause und richtest das kleine Rauchzimmer obenoder sonst etwas mit dem Gelde ein?"

Herzchen, weil ich das Zimmer nicht entbehrenkann. Jede Stube ist gut genug für die werthlosenAndenken, welche ich aus Indien mitgebracht. MeinePläne in Betreff einer geschmackvollen Einrichtung könnenwarten, bis ich Dich wieder frisch und rosig sehe. Deß-halb entschließe Dich wegen Paris ."

Nein, Cyprian, ich will nickt," enigegnete sie be-stimmt,und jetzt mußt Du wirklich zum Bahnhofgehen."

Es war etwas Ungewöhnliches ein Schmollen? in ihrer Stimme. Bis jetzt hatte er ihre Gemüths-art immer vollkommen harmonisch gefunden. Herr Hayredete Walpurga wieder im Hausflur an.

Denke daran, die Leihbibliothekbücher heute Vor-mittag zu wechseln. Meine Frau könnte sich langweilen,wenn sie keine neue Lektüre hat."

Ich werde die Bücher wechseln, Herr," antworteteWalpurga mit halbunterdrücktem Lächeln,aber ich glaubenicht, daß Madame sich langweilt."

Das freut mich. Aber," sagte er vertraulich,natürlich ist sie einsam, während ich in der Stadt bin."

O nein, Herr, nicht immer," antwortete sie, indemsie ihm die Handschuhe reichte,es kommen viele Be-suche her."

Ja, gewiß, an den Montagen; aber ich meintedie anderen Tage."

An den anderen Tagen sind auch oft Leute hier.Gestern kamen viele, die Frau Holland zum Gabelfrüh-stück, und" sie reichte ihm den StockNach-mittags war ein Herr hier!"

Nachmittags war ein Herr hier!"

Cyprian Hay war jetzt zum Ausgang gerüstet undhatte den Fuß bereits auf die Schwelle gesetzt. DieEhre verbot ihm, noch länger zu bleiben, um die Mit-theilung des Stubenmädchens zu ergründen. Frau Hol-land , eine nahe Nachbarin, kam oft, das wußte er. Eswar nicht ungewöhnlich, daß Margarethe sie zum Esseneinlud. Die andern Leute, welche dagewesen waren,konnten Schneiderinnen, Putzmacherinnen und dergleichensein; aberNachmittags war ein Herr da!" Wer war

>

>

I