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es? Warum hatte Margarethe ihn nicht genannt? Warumhatte Walpurga so sicher behauptet, daß Madame sichnicht langweile?

Ja, warum? Herr Hat) verließ sein Haus so gänz-lich mit diesen Fragen beschäftigt, daß er wirklich einenfalschen Weg einschlug. Plötzlich stand er vor dem Post-hause, anstatt vor der Bahnhofstation, und obgleich ersein Versehen in aller Eile wieder gut machte, hatte erdas Vergnügen, gerade eine Minute nach der Abfahrtdes Zuges zu kommen. Es war ärgerlich für einenpünktlichen Mann, jedoch es lag ein Schadenersatz darin.Jetzt konnte er noch eine halbe Stunde zu Hause zu-bringen. Er konnte Margarethen gegenüber den gestrigenNachmittag erwähnen. Wahrscheinlich hatte sie ihrenBesucher vergessen, sie würde ihn aber bei der geringstenAndeutung nennen.

Fröhlich ging er nach dem Berghause zurück, tratdurch ein Scitenpförtchen in den Garten und unbemerktin das mit Glas verdeckte Ge-wächshaus. Er glaubte, seineFrau bringe die Vormittagemeistens bei ihren Blumen zu.

Sie war jedoch jetzt nicht da, deß-halb setzte er sich dicht neben dieThür des Gesellschaftssaales, umauf sie zu warten. Unterdessenwollen wir zu Frau Margaretheund ihren Beschäftigungen zu-rückkehren.

Als Cyprian Hay an diesemMorgen das Haus verließ, wen-dete sie sich unwillkürlich zu demSpiegel über dem Marmor-Kaminsims, blickte aufmerksamhinein und schüttelte vorwurfsvollden Kopf.

Alles um deinetwillen, duelende Frau," sagte sie im Selbst-gespräch, ja alles um deinetwillen;o, ich schäme mich!" Darauf trateine Pause ein; einem flüchtigenLächeln folgte ein Seufzer.Derarme Mann! Er wollte mich geradeam Donnerstag von hier entfernthaben. Es ist fast, als hätte er Verdacht; aber es kannja nicht sein. Ich möchte wissen, was er sagen wird.Ich glaube, er wird nicht zornig werden; er ist jetztimmer so ruhig. Aber ich glaube, er wird es bedauern ich fürchte fast, er wird es schon bedauern. Ach duunvorsichtiges Geschöpf, du siehst ganz verrätherisch undaufgeregt aus. Wenn du dich nicht zusammennimmst,so wirst du nicht Selbstbeherrschung genug haben, umdein Geheimniß zu bewahren. O Cyprian, du ahnstnicht, was geschehen wirdi" Sie wusch sich das Gesichtmit Lau äs OvIoAus.Wie wünsche ich, daß FannyHolland kommt! Ich möchte wissen, ob sie den Briefbringt, welcher meine Kelten löst? O, Margarethe, wiekannst du sagen, deine Ketten! Da kommt Walpurga ,ich muß ihr sagen, daß ich heute für Niemand zu sprechenbin, ausgenommen" Sie eilte aus dem Zimmer.

Fünf Minuten später kam Frau Holland aus demgegenüberliegenden Hause zu ihr. Die beiden Frauentraten in den Gesellschaftssaal und begannen ein leb-haftes Gespräch, als Herr Hay gerade seine Frau suchte.

Unangenehm!" murmelte er außerhalb des Ge-sichtskreises, aber nicht außerhalb der Hörweite,jetztwird diese kleine Frau meine Margarethe eine Stundemit ihren Kinderstubenberichten aufhalten. Ich will sienicht stören; am besten bleibe ich noch zehn Minutenhier und gehe ruhig weg, wie ich gekommen bin. Glei-chen scheint sehr erfreut über ihren Besuch. Natürlichlangweilt sich mein Gleichen ohne mich. Das mußteich trotz Walpurgas Reden! Hm! Was? Wovon re-den sie?"

O, Fanny, ich glaubte, ich würde Cyprian heuteMorgen gar nicht los werden. Denke Dir, der Altesetzte es sich in den Kopf, diese Woche mit mir in Paris zu sein, morgen sollten wir abfahren."

Morgen?" wiederholte Frau Holland ,da mußtDu ja Deine letzten Vorbereitungen treffen."

(Vorbereitungen? Wozu?" dachte Herr Hay sehrverwirrt.)

«Gewiß, und ich bin so un-ruhig bei allen."

Unsinn, meine Liebe. WennDu Dich krank wachst, wirdalles verdorben. Du darfst amDonnerstag keine Neuralgiehaben."

(Am Donnerstag?" schalteteder Horcher schweigend ein.Sieschlug es rundweg ab, am Don-nerstag in Frankreich zu sein,gab aber keinen Grund an. Wasbedeutet das?")

Nein, wenn ich es abwendenkann, Fanny. Glücklicherweise istjetzt fast alles bereit, und mitdiesem" ein schwaches Geräuschdeutete das Bewegen eines Pa-piers ankann ich morgenalles klar machen, und Cypriansoll keinen einzigen Schilling zuzahlen übrig behalten."

(Cyprian keinen einzigenSchilling übrig behalten! Un-begreiflich!")

Also denkst Du," fragte FrauHolland , indem sie anscheinend etwas betrachtete,er hatDir genug geschickt?"

(Er?")

Genug? O, er ist höchst freigebig gewesen. Ichsagte ibm das gestern bei seinem kurzen Besuch"

(O, Frau, o, ol")

Es ist übrigens genug, obgleich die Kosten größersind, als ich erwartete. Ich mußte Schweigegeld geben.Wenn mein Mann es entdeckt und verhindert hätte, sowäre ich" sie stampfte mit dem Fußewildgeworden."

Du böse Frau," sagte Frau Holland ,wir sinddie besten Freundinnen, und ich habe mich verpflichtet,Dir beizustehen, aber ich weiß eigentlich nicht, ob ichDein Thun billige. Es ist gefährlich. Mein Mannwürde wüthen, wenn er entdeckte, daß ich zu solchenStreichen geneigt wäre. Vielleicht ist es gut, daß meineKinder mich fesseln und ich nicht versuchen kann, DeinemBeispiele zu folgen."

Giovanni Kaltista dr Kosst

UM