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Weiln wir überhaupt gewisse ausgestorbene Thierformenbetrachten, bei denen, wie z. B. bei manchen Dinosauriernder Kreidezeit, die Nothwendigkeit des Aussterbens ausdem ganzen Bau hervorgeht, so sind uns solche Formenzwar erklärlich bei einer natürlichen, auch in Unzweck-mäßigkeiten und Degeneration ausartenden Entwicklung,die Theorie von der Einzelschöpfung der Species aberstempelt solche Formen zu nichts anderem als zu IrwusDel, wie einst in ähnlicher Weise im Mittelalter dieseThierreste als 1u8us nuturcrs angesehen wurden. Da-gegen glaube ich, daß der Mensch aus den geschaffenenDingen nicht leichter die unendliche Weisheit des Schöpferserkennen kann, als wenn er all die Arten der Pflanzenund Thiere von den Tagen des Urmeers an bis zurJetztzeit verfolgt und betrachtet, wie dies alles sich ingeordneter Reihenfolge und doch in buntester Mannig-faltigkeit nach gcheimnißvollen, von Gott in die Naturgelegten Gesetzen entwickelt hat. Ja ich möchte behaupten,diese Entwicklung der organischen Welt von ihren Ur-anfängen an bis zu ihrer jetzigen Gestaltung nach na-türlichen Gesetzen ist der evidenteste Beweis für einenallweisen und allmächtigen Schöpfer, der sicherste kosmo-logische Gottesbcweis, der uns zeigt, daß die Welt voneinem denkenden, ordnenden Geist angelegt sein muß.Der Annahme einer gewissen Descendenz kann alsoweder die naturwissenschaftliche noch die theologischeBerechtigung abgesprochen werden und wir dürfenund müssen sie deshalb bei Erklärung des Schöpfungs-berichtes in Betracht ziehen. Wenn also die Pflanzengenetisch unter einander zusammenhängen, dann istmit dem ersten pflanzlichen Organismus die ganzePflanzenwelt geschaffen worden und eS ist klar, wieder biblische Bericht die Entstehung der pflanzlichenOrganismen so scharf von derjenigen der thierischentrennen und in einen eigenen Schöpfungstag zusammen-fassen konnte. Von diesem Standpunkt aus findet derBericht des Moses in dieser Frage die einfachste, mitder Wissenschaft am besten harmonierende Erklärung.

Der vierte Tag berichtet vorn Erscheinen der Sonne,des Mondes und der Sterne am Himmel. Nachdem derUrozean sich niedergeschlagen hatte, war die Erde anfangsnoch von einer dichten Dunst- und Nebelhülle umgeben.Denn nicht alle Wasserdünste, welche den allmählig miteiner festen Kruste sich überziehenden Erdball umgaben,haben sich auf einmal zum Nrmeer niedergeschlagen. DieErde war ferner noch wärmer, daher die Verdunstungder niedergeschlagenen Wassermassen eine ungleich größere,die Tendenz der Wasserdünste zum Niederschlag in Folgeder gleichmäßigen Wärme eine ungleich geringere alsheutzutage. Durch diese dichte Dnnstschichte konnte nundie Sonne nicht durchdrungen, nur ein ganz schwaches,die Existenz der niedersten Organismen bedingendesDämmerlicht ruhte über dem Ozean und den sich er-hebenden Kontinenten. Mit der Zeit aber schlug sichimmer mehr Wasserdunst nieder, bis schließlich die Sonneihr lebenspendendes Licht ungehindert über die Erde aus-ziehen und das Dunkel der Nacht vom Mond und denGestirnen erhellt werden konnte. Moses hat allerdingsdiesen Tag zum Zwecke der Warnung der Juden vorVerehrung des Sonnengottes und anderer Lichtgottheitenso ausführlich dargestellt, derselbe ist aber nicht nurdeßhalb in den biblischen Bericht aufgenommen worden.Denn jene Zeit, da das lebenerweckende Licht der Sonnezum ersten Male auf die Erde dringen konnte und sobesonders für die phanerogamen Pflanzen und die höheren

Thiere wohl eine der wichtigsten Existenzbedingungenbrachte, diese Zeit war so wichtig, wie die Erschaffungder ersten Organismen selbst.

Der fünfte Tag berichtet von der Erschaffung derWasserthiere und der geflügelten Thiere, der sechste vonden landbewohnenden. Fische fanden wir schon seit denfilmischen Zeiten; überhaupt sind die Wasserthiere sichervor den Landthieren erschienen. Wenn man die Zeit dergrößten Ausbreitung der hier in Betracht kommendenThiere ins Auge faßt, so stimmt die von der Bibel an-gegebene Aufeinanderfolge mit der Paläontologischen überein.Die Wasserthiere sind seit den ältesten Zeiten des Kam-briums bis zur Kreidezeit vorherrschend. Sie finden imJura in den Plesiosauren und Ichthyosauren ihre mächtigsteAusdehnung; hier lassen sich auch die ersten Vogelrestenachweisen. In der darauffolgenden Kreidezeit werdenlandbewohnende Reptilien, nämlich die Dinosaurier, Mode,während in dem sich daran anknüpfenden Tertiär dielandbewohnenden Säugethiere ihre Blüthezeit erreichen.Diese Reihenfolge wird nur dadurch scheinbar gestört,daß sich schon vor den ersten Vogelfunden in der Triasdie ersten Säugethiere nachweisen lassen. Bei den äußerstspärlichen Vogelresten woraus hervorgeht, daß die zurErhaltung der Vogelskelette erforderlichen Bedingungensehr ungünstige sind wäre dies schon an sich belanglosund verliert jede Bedeutung, wenn man bedenkt, daß derfünfte Tag nicht bloß von den Vögeln, sondern überhauptvon den fliegenden Thieren berichtet. Insekten aberwurden schon im Silur nachgewiesen, also längst vorder Trias.

Zuletzt erst erscheint der Mensch. Die Paläontologielehrt dasselbe. Hier spricht die hl. Schrift deutlich voneinem eigentlichen Schöpfungsakt. Dies war auch zu er-warten, denn jetzt tritt in die Natur ein anderes Principein: sie tritt in Verbindung mit dem Geistigen, mit einerunsterblichen Seele. Das hieraus hervorgehende Geschöpfist nicht mehr identisch mit der bisherigen Schöpfung, dennin ihm ist ein Bindeglied geschaffen zwischen der körper-lichen Natur und der geistigen Welt. Allerdings ist schonvon gläubiger Seite behauptet worden, der biblische Be-richt stehe der Annahme nicht im Wege, daß der mensch-liche Leib aus dem thierischen sich entwickelt habe unddaß diesem Leibe dann durch einen schöpferischen AktGottes eine menschliche Seele eingehaucht worden sei.Aber abgesehen davon, daß eine sehr große Weitherzig-keit dazu gehört, um den biblischen Bericht damit nichtin Widerspruch zu finden, scheint es mir ganz undenkbarund widersinnig, daß einem schon bestehenden organischenWesen ein neues, wesentlich anderes Lebensprincip mit-getheilt worden wäre. Aus demselben Grunde scheintauch der Uebergang eines pflanzlichen Organismus ineinen noch so niedrigen thierischen unmöglich, mindestensäußerst unwahrscheinlich zu sein. Gegen die Abstammungdes menschlichen Leibes vom thierischen sprechen übrigensauch gewichtige naturwissenschaftliche Gründe, deren nähereDarlegung aber zu weit führen würde.

Lassen wir die einzelnenTage" nochmals kurz anuns vorbeiziehen: Am ersten Tag der gasförmig-glühendeund feuer-flüssige Zustand der Erde; am zweiten Tagdie Erstarrung der Oberfläche zu einer Erdrinde und derdarauffolgende Niederschlag der Wassermassen, dieses Lebens-elementes für die ersten Organismen; am dritten Tagedie beginnende Erhebung des trockenen Landes, einerLebensbedingung für die meisten der kommenden höherenOrganismen, dann die ersten, und zwar pflanzlichen