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Organismen; am vierten Tag das die anfängliche Dunst»hülle durchbrechende Licht der Sonne, welches eine höhereLebensentfaltung auf der Erde ermöglichte; am fünftenTage die ersten Wasserthiere und die geflügelten Thiere;am sechsten die landbewohnenden Thiere und zuletzt derMensch. Wer kann da leugnen, daß tm Schöpfungs-berichte gerade die wichtigsten Momente der Entwicklungund Bevölkerung der Erde angeführt sind, und zwarunter Einhaltung der richtigen Reihenfolge S

Ein Literntnrbild aus der Gegenwart

von Joh. Bapt. Führ.

(Schluß.)

3.

Bon jeher fand unter einem Culturvolke neben Lyrikund Epos auch das Drama eifrigste Pflege.In keinemLande, unter keinem Volke vermochte die Bühne voll-ständiger die eigentliche kulturhistorische Aufgabe zu er-füllen, als unter den Deutschen, " so hat sich ein Ge-lehrter ausgesprochen. Stellen wir daneben eine Bühnen-charakteristik aus dem Jahre 1836, die folgendermaßenlautet:In allen oder doch in den meisten unsererneuen Lustspiele weht kein anderer Odem, als der eineranekelnden Sinnlichkeit und Beschönigung des Lasters.Was ist der größere Theil unserer Lustspiele anders,als ein Unterricht für Mädchen, wie man den Geliebtenüberlistet, für die Töchter, wie sie die Mutter hinter'sLicht führen sollen, für Söhne und Neffen, wie man demVater und Onkel Geld und Willen auszupft, und fürdie Gattinnen, wie man den Ehemännern den Argwohnlebendig ausschncidet?" So hat damals der Jude Saphir geschrieben; was müßte er heute von unsern Bühnenschreibend Die Bühne sollte die Zuschauer erheben zuallem Hohen und Edlen, dafür wird sie vielfach zumschalen Gemeinplatz des Lasters; Sinnenlust, Lüsternheit,oft Liederlichkeit sind die treuen Verbündeten der Bühne.Selbstverständlich ist hiemit auch schon genugsam ange-deutet, daß Geisteskinder eines katholischen Dramatikersauf einer größeren Bühne das Lampenlicht noch nichterblickt haben und es kaum in fernster Zukunft je er-blicken werden. Diese trostlose Aussicht gerade ist'S, diealle Schaffenskraft auf dramatischem Plane kalholischer-seits erschlaffen läßt. Demgemäß sind hier, an dieserStelle, nur wenige Namen zu verzeichnen, und mir dem-nach gestattet, mich kurz zu fassen.

Der Jesuit Alexander Baumgartner , derseine umfassende Thätigkeit literaturgeschichtlichen Ar-beiten widmet, hat sich im Drama versucht inCalderon",das ein poesicvolles Festspiel ist. Berlichingen'sDramen werden Lesedramen bleiben.

Einen guten Klang auf dem Gebiete des höherenDrama'S hat der Herausgeber derDichterstimmen"Leo Tepe van Heemstede. In den DramenMa-thusala",Arnold von Brescia " und in der TragödieBoleslaus" hat uns der Dichter prächtige Blüthenseiner reichen Begabung geboten. InBoleslaus" ziehtein mächtiges Stück Geschichte an uns vorüber. In dertiefen Auffassung und künstlerischen Zeichnung der Cha-raktere ist Heemstede Grillparzer vergleichbar; Frauen-herzen weiß er nach Shakespeare zu bilden. Aus demFranzösischen hat er das preisgekrönte DramaAfrika "verdeutscht, das, angeregt durch ein Preisausschreiben deshochseligen Afrika -Apostels Cardinal Lavigerie, ProfessorDescamps geschaffen, und dem dafür der ausgesetzte Preis

von 10,000 FcS. zuerkannt wurde. In verschiedenenVereinen, die allein in rühriger Weise katholische Bühnen-dichtung lebendig machen, istAfrika " zur Aufführunggelangt bei stürmischem Beifall und durchschlagendem Er-folg. Die Besucher der diesjährigen Generalversammlungder Katholiken Deutschlands werden Gelegenheit bekommen,das Drama in Scene gehen zu sehen, denn so sei es,wie verlautet, vom Festausschuß in Dortmund geplant.

Zu den geweihten Sängern, die für alles Hohe undHeilige erglühen, gehört der große Lyriker und Dra-matiker Martin Greif (geb. 1839 zu Spcyer, lebtjetzt in München ).Die lebendige Anschaulichkeit hatseit Goethe wohl kein Poet mehr so getroffen und em-pfunden, wie Martin Greif, " sagt der Recensent. Greifist ein bayerisch-deutscher Dichter, ein echter Germane.Gegenwärtig wird eine Gesammtausgabe von Greif'sWerken veranstaltet; zwei Bände find bereits an dieOeffentlichkeit gelangt.Es wäre die Pflicht unsererdeutschen Bühnen", fährt derselbe Recensent fort,eineEhrenpflicht vorab der bayerischen, einem so lange ver-kannten edlen Dichter wie Martin Greif endlich aus-giebige Genugthuung zu gewähren."

In weiten Kreisen hat Sensation gemacht das dra-matische StückKaiser Maximilian von Mexiko ". Derjugendliche Verfasser ist Ferdinand Wildermannaus Münster . Ein historisches Schauspiel von ihm istDer König der Wiedertäufer". Der junge begabteDichter berechtigt zu großen Hoffnungen.

Ein schönes Dichtertalent hat der Allgütige dembayerischen Landsmann Hüttinger verliehen. SeinErstlingswerkHans Dollinger" hat allenthalben günstigeAufnahme gefunden und anerkennende Besprechung seinTrauerspielTasstlo II.", das namentlich ein bayerischesHerz hoch befriedigen muß. Mögen seiner Muse, die erin den Dienst der Religion, Sittlichkeit und Vaterlands-liebe gestellt hat, viele, recht viele Jahre beschicken sein!

III.

Winke für den katholischen Familienlesettsch.

Das ist im engen Nahmen ein Bild von unsererzeitgenössischen katholischen Dichtung. Hienach ist der ka-tholischen Literatur der Weg angebahnt, auf dem deutschenParnaß den Platz zu erobern, der ihr gebührt. Nichtweniger als zweihundert katholische Dichtungen sind inden letzten zehn Jahren auf dem deutschen Bücherplanerschienen. Was die katholischen Dichter hindert, sich inliterarischen Kreisen breit zu machen, das ist die Vor-eingenommenheit, mit der ihre Werke von nichtkatholischerSeite abgeurtheilt werden. Rudolf Gottschall stellt inder Vorrede zur fünften Auflage seines Werkes:Diedeutsche National-Literatur des neunzehnten Jahrhunderts"den löblichen Grundsatz auf:Das Auslässen und Ueber-gehen von Autoren, die irgend ein Publikum haben, istimmer ein Akt kritischer Anmaßung, wenn es nicht eineFolge der Nachlässigkeit und Trägheit ist." Aber leiderhat diesen Ausspruch niemand weniger zur Wahrheit ge-macht, als der Urheber selbst. In dem angeführtenWerke übergeht GottschallDreizehnlinden" vollständig,wiewohl diese zur Zeit der Abfassung seiner Literatur-geschichte schon die siebzehnte Auflage zählten. Findeteinmal eine katholische Dichtung in der LiteraturgeschichteAufnahme, so geschieht dies in den meisten Fällen miteiner Befangenheit, die deutlich durchblicken läßt, daß derfremde Kritiker wie der Blinde von der Farbe spricht.Derartige Verunglimpfung unserer besten Dichter, sollte