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weite Welt geschickt, seine Wunder," manchmal und Heuer leiderallzuoft hüllt er sie ein in Nebel und Regen. Jeder, der obenim Gebirge schon regnerische Tage verlebte, weiß, wie sehr daoft der ganze Humor und alle Wanderlust zu schwinden droht.Darum versieht sich der vorsichtige Tourist gerne mit einerherzerfrischenden Reiselektüre. Zu diesem Zwecke eignen sichganz vorzüglich für Jedermann die prächtigen Erzeugnisse derMuse des badischen Stadtpfarrers Dr. Heinrich HanSjakob .
In manchem aber, der früher als frischer Student mitleichtem Gepäcke und sorglosem Herzen die schöne Ferienzeitüber seiner Wanderlust folgte, schlägt das Wort Fericnreise nurmehr trübe Saiten an, denn es gibt für ihn keine Ferien mehr.Puter diese rechne ich nicht zuletzt den — Landpfarrer. Wiesehr wäre so einem Landpfarrer, der das ganze Jahr über inseinem oft recht armseligen Pfarrhause sitzt und jedes gebildeten"Umganges und geistig anregenden Verkehres entbehrt, wie sehrWäre ihm eine Fericnreise zu gönnen! Doch woher einen Stell-vertreter nehmen, da die geistliche Bebörde sich nicht darumkümmert? Wenn wenigstens die Bination von Seite der Nach-barpfarrer gestattet würde, so wäre leicht auch für den Land-chfarrer ein Urlaub von 2 bis 3 Wochen zu schaffen, allein dcr-üartige Aushilfe wird dermalen gar nicht mehr gestattet.
Geistige Erholung und Auffrischung des G-müthslebeus,«kraucht der Landpfarrer so gut, wie jeder andere; wiffenschaft-Pche und ascetijche Lectüre allein reichen nicht hin.
„Von Vfarrherrn selber gingen dunkle Sagen,
„Daß sie als Waldbrcvier dich bei sich tragen."sagt Scheffel im poetischen Vorwort zur 2. Auflage seines„Trompeters". Als ein solches Waldbrevier, als lieben Be-gleiter auf einsamen Wegen, als aufheiternde und belebendePektüre für den stillen Pfarrhof, als thcilwciscn Ersatz für dieschwer vermißte Fericnreise begrüßen wir freudig die SchriftenHansjakob's .
Doch >hio nlxer ost, Iruno tn, Romane, caveto«, denktVielleicht da ein Nicht-Geistlicher. Erschrick nicht; Hansjakob'sSchriften, obschon zum größten Theile im Dorspfarrhofe HagnauNm Bodensee geschrieben, riechen nicht nach „finsterem Pfarr-hose" und „schwarzer Couleur"; jeder, wess' Standes und Be-hufes. welcher religiösen oder politischen Anschauung auch immerer sei, und nicht zuletzt der Mann aus dem Volke wird seinehelle Freude an diesen Schriften haben, wofern er nur das(Gefühl für echte Volkspocsie, — wenn auch in ungebundenerSprache, — und für lebenSwarme, kernige Lektüre in sich trägt.Der Genuß des Lesers wird nicht gestört, auch wenn er geradedieser oder jener Anschauung HauSjakob'S nicht zustimmen kann.^diesbezüglich schreibt ein Recensent im (Protestant.) „Kireben-Freund" (Basel ): „Ich ziehe Hansjakob Rosegger und ähn-lichen weit vor. Zwar ist in seinem Wesen vieles, was einemtvidcrstrebt, katholischer Geistlicher u. f. w. u. f. w. kommtauch in seine» Schriften eine oft seltsame Mischung von hübschenGedanken, originellen Ideen, feinen Beobachtungen und zweifel-haften Einfällen heraus, ich lese sie meistens unter heftigemALidcrspruch, aber leidenschaftlich gern." Es ist überhaupt eineäußerst seltene und bei den Schriften eines kathol. Geistlichenwohl noch nie dagewesene Erscheinung, daß politisch und religiösGleich-, wie Andersgesinnte ini Lobe übereinstimmen. Der„Badische Beobachter", erstes Centrumsblatt Badens, das,-Deutsche Volksblatt", führendes Ceutrumsorgan Württembergs,die „Kölnische Volkszeitunz", die „Niederrhcin. Volkszeitung",^Schlestsche VolkSzeitung", „Freie Stimme" u. a., so gut wiedie liberalen Journale: „Schwäbischer Merkur", „KarlsruherZeitung", „Skraßburger Post", die demokratische „FrankfurterZeitung " u. a., dann die Zeitschriften und Litcraturblätter:-jLitcrarischer Handweiser" Münster 1896 Sir. 631/632, die„Kath. Warte", die „Akademischen Monatsblätter", „Schweizer literar. Monatsrundschau", „Internationale Literaturberichte",„Deutsche Revue" Stuttgart , Fcbr. 1896, „Jllustrirte Zeitung"Leipzig 1895 Sir. 2739, „Universum" Drcöden 1896 11. Heft,„DaS Land" Berlin 1896 Nr. 8 u. a. überhäuften Hansjakob'S Schriften mit den höchsten Lobsprüchcu.
Was ist es denn nun, das Hansjakob's Werke so anziehendmacht? Der Verfasser schöpft nicht auS vergilbten, staubigenFolianten der Bibliotheken, obgleich er zur rechten Zeit auchinteressante geschichtliche Details einstießen läßt, er betritt nichtdie ausgetretenen Pfade der Roman- und Novellenschriftsteller,alles an ihm ist durchaus originell. Der Born, aus dem erschöpft, ist theils das eigene Leben, zum größten Theil aber dasLeben des kernigen, von keiner Uebercultur beleckten und ver-dorbenen Volkes aus dem badischen Schwarzwald . wie es nochin der jüngsten Vergangenheit war. Hansjakob ist der Sohndicsiö Volkes, auö seinem eigensten Blute enMoffey pulsirt in
ihm das Leben dieses Volkes mit seinen Tugenden und, wie erselbst gesteht, auch Schwächen. Von Jugend auf hat er mitdiesem Volke gelebt und gefühlt, und als gereifter Mann bisin die Gegenwart herein seine Musestunden bei ihm verbracht;bis in ihr Innerstes hinein hat er mit einer nur ihm eigenenSchärfe die Volksseele belauscht. Daher erklärt sich die Na-türlichkeit und Originalität, die wahre Poesie und ganze Ge-fühlstiefe, das urwüchsige Leben und die hcrzerfreuende Frischein diesen Schriften. Sie find ein werthvoller Beitrag zur„Culturgeschichtc eines zwar kleinen, aber interessanten Gebietesdes deutschen Vaterlandes" und in dieser Beziehung vonbleibendem Werthe; ja der Werth und die Bedeutung solchkerniger Volksgestalten, schriftlich fixirt, wird sich stets erhöhen,je ärmer allenthalben durch den sogen. Culturfortschritt auchdas gewöhnliche Volk an derartigen Volkstypen wird.
Zu diesem hohen Vorzüge kommt hinzu die große Unbe-fangenheit und Offenherzigkeit, die Aufrichtigkeit und manchmaletwas derbe Geradheit des Verfassers, die ihn offen hcraus-plaudern läßt, was andere verhüllen. Mit Recht hat man ihnin dieser Beziehung mit Abraham a Santa Clara verglichen.Ueberall hat der Leser den Eindruck der strengsten subjectivenWahrheit und Wahrhaftigkeit, da wird nichts vertuscht oderbeschönigt, weder nach oben noch nach unten werden Complimcntegemacht. Was Hansjakob nach einem interessanten Zusammen-treffen mit dem geistvollen Satyriker Sebastian Brunncr inWien von diesem als Schriftsteller rühmte, gilt auch ganz vonihm selbst: „S. Brunncr gehört zu den immer rarer werdendenMännern, die ,von der Leber weg' reden und in allem das,Kind beim rechten Namen' nennen, ob dieser Name gefälltoder mißfällt, beliebt macht oder nicht. Es gibt in unserenTagen immer mehr Zuckerwassermenschcn und Simsentänzerin allen Ständen, so daß cS einem ordentlich wohl thut, nebendiesen Legionen auch wieder ganze Männer zu finden, Männer,die nur darnach streben, die Wahrheit zu sagen, die ganze volleWahrheit, Männer, die, wie Seb. Brunncr einmal so schönsagt, mit dem Schwerte und nicht mit dem Zopfe dreinschlazen."(Dürre Blätter II. Bd. 272.) Ja, das gerade ist es, was unsan HanSjakob so wohl gefällt, und was ihn über Tausende vonSchriftstellern und Skribenten so unendlich hoch erhebt, daß ernirgends zu schmeicheln und auf sein eigenes Interesse Rücksichtzu nehmen sucht, sondern frei und frank „von der Leberweg" redet.
Wißt ihr selber nichts zu reden.
Nun, so laßt doch andre sprechen,
Denn der Muth dünkt nur der Feigheit
Ein zu strafendes Verbrechen.
(Seb. Brunncr.)
Für die Darstellung des aus dem Volksleben gegriffenerStoffes kann eS nur von Vortheil sein, daß Hansjakob absticht-lich in der Form allen gelehrten und künstlichen Apparat ver-meidet und verschmäht; einfach und schlicht, wie die unver-fälschte Denk- und Redeart des Volkes, ist seine Diktion. „Wieein alter, einsamer Bergfink, auf einem stillen Tanuenassitzend, sein Lied componirt und singt, wie es ihm aus der Kehl -dringt, ohne sich zu kümmern, ob es der Harnwnielehrc odc:dem Contrapunkt entspricht, so erzähle ich meine .Geschichten'.'(Leutnant v. HaSle.) Man hat eö ihm von Seite der Re-censenten zum Vorwürfe gemacht (okr. „Daucrnblut" Vorwort),daß er „schlecht componire und allerlei untereinander erzähle".Mit vollem Rechte cntgegnet Hansjakob: „Haben denn dießHerren noch nie einen Mann aus dem Volke erzählen HörensDer nimmt, wenn ihm im Anschluß an das, was er erzählt,eine andere Person in dem Sinn kommt, auch diese vor underzählt zwischen hinein auch von ihr. So erzählt der Bauer....so erzähle auch ich. Und paßt diese Art nicht gerade für Ge-schichten aus dem Volke? Muß denn alles erzählt werden, wiecs in den Büchern über Grammatik und Rhetorik in Schulengelehrt wird. Ich will nichts wissen, nicht einmal, wenn ichpredige, von der grauen Theorie, sondern gehe überall demLeben und der Praxis nach."
Die hauptsächlich hier in Betracht gezogenen SLriftenHansjakob's erscheinen im Verlage von Georg Weiß in Heidel-berg , die Ausstattung sowie die eigenen Eiubauddecken sind ge-schmackvoll. Von einigen Werken: „Aus meiner Jugendzeit",„AuS meiner Studienzeit", „Dürre Blätter", „Schneebällen",„Wilde Kirschen" erscheint gegenwärtig eine Volksausgabe incirca 50 Lieferungen » 30 Ps. So viel im Allgemeinen.
Zur Würdigung wenigsten einzelner Werke Hansjakob's übergehend, wird cS uns schwer, aus der Fülle des Schönendas Schönste hervorzuheben.
(Fortsetzung folM