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10 (1839)
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Zur Geschichte und Litteratur, Fünfter Beytrag,

Wahrheit eines so treuherzigen Bekenntnisses zu zweifeln.Daßnun gesagt wird, schreibt er an einem Orte, wo er den deut-schen Ursprung der bekannten Fabel vom Müller rmS seinemSohne, gegen französische Ansprüche erhärten will,es habeder von Riedcnbnrg diese Fabeln nur aus dem Latein über-setzt, ist freylich von den meisten wahr, die aus altern Fabel-dichtern entlehnet worden. Es ist aber augenscheinlich, daßviele, ja fast die Halste, aus keinem itztbckanntcn ältern Fa-beldichter genommen, sondern von ursprünglich deutscher Erfin-dung sind." Es ist keinem ehrlichen Manne zu verdenken,wenn er keine grosse Bclcsenhcit in den alten Fabeldichtern hat;er muß aber auch nur nicht thun, als ob er sie hätte. DieWahrheit ist diese: daß drey Viercheil von unsern alten deut-schen Fabeln aus zwey ganz bekannten alten lateinischen Fabel-dichtern genommen sind, und ich von den übrigen fünf undzwanzig, wenigstens achtzehn in Büchern nachweisen kann, die,aller Wahrscheinlichkeit nach, älter, als unsere Fabeln sind.Ob aber dem ungeachtet die andcrwcits entlehnten 26 Fabelnnicht gleichwohl größten Theils deutscher Erfindung sind, dasist eine andere Frage, die sich freylich eher noch bejacn läßt.Denn die alten Bücher, in welchen ich sie nachweisen kann,sind wenigstens in Deutschland geschrieben. Aber was thut dasunserm Dichter, der ja nicht einmal etwas anders seyn will,als Uebersctzcr?

Und zwar sind die zwey alten lateinischen Fabeldichter, auswelchen unser Dichter vornehmlich geschöpft hat, der sogenannteAnonymus des Ncvelet, und Avianus . Jener Anonymus, habeich anderwärts erwiesen, ist nichts als der vcrsisicirtc Romulus,bis auf das vierte Buch; und von den drey ersten Büchern,die aber bey dem Anonymus ohne Abtheilung fortgehen, hatVoner blos die 39stc 4!). 50. 51. 62. 63. 66. 67. und 68stcunberührt gelassen. Die übrigen finden sich bey ihm nicht nuralle, sondern fast alle (°) in der nehmlichen Ordnung, bis auf

(°) Selbst die erste Fabel von dem Affe», der die Nus> wegen der ausser,,billcrn Schale verachtet, ist ans diesem Anonymus genommen, ob sie schonda nicht als Fabel vorkömmt. Nehmlich ans der letzten Zeile seiner Borrcde:Lt »ucleum celat arnl.i wlui lwuum.