Zur Geschichte lind Litteratur. Fünfter Beytrag.
„Jahrhunderts geschrieben worden." Wie wohl stunde es mitder Kenntniß der Handschriften, wenn es in irgend einerSprache von irgend einer Zeit Vuchstabcnzügc gäbe, ans wel-chen sich bis auf ein halbes Jahrhundert das Alter derselbenmit Zuverlässigkeit angeben liesse. Freylich müßte cS wohl der-gleichen geben, und sie würden vielleicht auch zu bestimmenscvn, wenn man eine grosse Menge von Handschriften dcS nehm-lichen Landes und der nehmlichen Sprache vor sich hätte, derenFolge und Ordnung aus andern unstreitigen Gründen bereitsbestimmt wäre. Aber wo ist das? und wo hat man das? Da,wo wir in der Diplomatik ißt noch halten, bedarf es schon ei-nes sehr kundigen Mannes, der sich ans den blossen Zügen derBuchstaben nicht mehr als um ein Jahrhundert irren soll; wiedas jeder Gelehrte cingcstchcn wird, der Erfahrung in solchen
Dingen hat und weder sich noch andere bekriegen will. -
So ist denn auch bisher schlccbtcrdings noch keine Handschriftvon unsern Fabeln bekannt, die sich durch eine ausdrücklicheZahrzahl zu dem 13>c» Jahrhunderte lcgitimirtc. Alle übrige,sowohl die zweyte der Schweizer , als die welche D- Scher;gebraucht hat, nebst den vieren unsrer Bibliothek, sind wenig-stens ein Jahrhundert jünger, ja einige derselben wohl zwey;wie nicht aus blosser kritischer Schätzung, sondern aus den aus-drücklich beygefügten Zahrzahlcn zu erkennen.
Doch ich bin weit entfernt, mich eines ähnlichen Trugschlus-ses schuldig zu machen, und blos daraus, daß alle Handschrif-ten viel neuer sind, den Dichter selbst für so viel neuer zuerklären. Es sind vielmehr ganz andere Umstände, woraus ichschlicsscn zu können glaube, daß er wenigstens jünger seyn müsse,als der Verfasser des Renners, und vermuthlich in der letztenHälfte des vierzehnten Jahrhunderts geschrieben habe. Umstände,die weniger von Anschein und Geschmack abhängen, nnd fastden Werth förmlicher Zeugnisse haben.
Einmal also, daß unser Fabeldichter jüngor als -Hugo vonTrimbcrg, der Acrfasscr des Renners, seyn müsse, läßt schonTrimbcrgs Stillschweigen von ihm vermuthen. Denn Trünbcrgschweigt nicht allein von ihm, welches so viel als nichts bewei-sen würde; sondern schweigt an Stellen von ihm, die gerade