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chm Herze, so wie es ist, und nicht wie es seyn sollte; so wiees ewig bleiben wird, und nicht wie es die strengsten Sittcn-lchrcr gern umbilden wollten.
Ich habe für den Horaz schon viel gewonnen, wenn derDichter von der Liebe singen darf. Allein die Liebe, hat sienicht jedes Jahrhundert eine andere Gestalt? Man hat ange-merkt, daß sie in den barbarischen Zeiten ungcmcin bescheiden,ehrerbietig, und bis zur Schwärmer«, züchtig und beständig ge-wesen ist,- es waren die Zeiten der irrenden Ritter. Zn denZeiten hingegen, in welchen sich Witz und Gcschmak aus demBezirke der Künste und Wissenschaften bis in den Bezirk derSitten ausgebreitet hatten, war sie immer kühn, flatterhaft,schluvfrigt, und schweifte wohl gar aus dem Gleise der Naturcm wenig aus. Ist es aber nicht die Pflicht eines Dichters,den Ton seines Jahrhunderts anzunehmen? Sie ist es, undHoraz konnte unmöglich anders von der Liebe reden, als nachder Denkungsart seiner Zeitgenossen. — — Noch mehr alsofür ihn gewonnen.
Hierzu füge man die Anmerkung, daß alles, woraus einDichter seine eigne Angelegenheit macht, weit mehr rührt, alsdas, was er nur crzchlt. Er muß die Empfindungen, die ererregen will, in sich selbst zu haben scheinen; er muß scheinenaus der Erfahrung und nicht aus der blossen Einbildungskraftzu sprechen. Diese, durch welche er seinem geschmeidigen Geistealle mögliche Formen auf kurze Zeit zu geben, und ihn in alleLeidenschaften zu setzen weiß, ist eben das, was seinen Vorzugvor andern Sterblichen ausmacht; allein es ist gleich auch das,wovon sich diejenigen, denen er versagt ist, ganz und gar kei-nen Bcgrif machen können. Sie können sich nicht vorstellen,wie ein Dichter zornig seyn könne, ohne zu zürnen; wie er vonLiebe seufzen könne, ohne sie zu fühlen. Sie, die alle Leiden-schaften nur durch Wirklichkeiten in sich erwecken lassen, wissenvon dem Geheimnisse nichts, sie durch willkührlichc Vorstellun-gen rege zu machen. Sie gleichen den gemeinen Schiffern, dieihren Lauf nach dem Winde einrichten müssen, wenn der Dich-ter einem Acneas gleicht, der die Winde in verschlossenen Schläu-chen bey sich führt, und sie nach seinem Laufe einrichten kann.