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Schrifften. Dritter Theil.
allenfalls die Werkzeuge an, die Gott dazu gebraucht hat? Erwchlt überhaupt fast immer nicht die untadclhaftcsten, sonderndie bequemsten. Mag doch also die Reformation den Neid zurQuelle haben; wollte nur Gott, daß jeder Neid eben so glück-liche Folgen hätte! Der Ausgang der Kinder Israel aus Acgyp-tcn ward durch einen Todschlag, und man mag sagen was manwill, durch einen strafbaren Todschlag veranlaßt; ist er aberdeßwegen weniger ein Werk Gottes und weniger ein Wunder?
Ich weis wohl, daß es auch eine Art von Dankbarkeit ge-gen die Werkzeuge, wodurch unser Glück ist befördert worden,giebt; allein, ich weis auch, daß diese Dankbarkeit, wenn mansie übertreibt, zu einer Idolatrie wird. Man bleibt mit seinerErkenntlichkeit an der nächsten Ursach kleben, und geht wenigoder gar nicht auf die erste zurück, die allein die wahre ist.Billig bleibt Luthers Andenken bey uns in Seegcn; allein dieVerehrung so weit treiben, daß man auch nicht den geringstenFehler auf ihn will haften lassen, als ob Gott das, was erdurch ihn verrichtet hat, sonst nicht würde durch ihn haben ver-richten können, heißt meinem Urtheile nach, viel zu ausschwei-fend seyn. Ein neuer Schriftsteller hatte vor einiger Zeit einenwitzigen Einfall; er sagte, die Reformation sey in Deutschland ein Werk des Eigennutzes, in England ein Werk der Liebe,und in dem licdcrrcichcn Frankreich das Werk eines Gassenhauersgewesen. Man hat sich viel Mühe gegeben, diesen Einfall zuwiderlegen; als ob ein Einfall widerlegt werden könnte. Mankann ihn nicht anders widerlegen, als wenn man ihm den Witznimmt, und das ist hier nicht möglich. Er bleibt witzig, ermag nnn wahr oder falsch seyn. Allein ihm sein Gift zu neh-men, wenn er anders welches hat, hätte man ihir nur so aus-drücken dürfen: in Deutschland hat die ewige Weisheit, welchealles zu ihrem Zwecke zu lenken weis, die Reformation durchden Eigennutz, in England durch die Liebe, und in Frankreich durch ein Lied gewirkt. Auf diese Art wäre aus dem Tadeldes Menschen, ein Lob des Höchsten geworden! Doch wie schwergehen die Sterblichen an dieses, wann sie ihr eignes nicht da-mit verbinden können.
Ich komme auf meine Briefe wieder zurück. Ich glaubte,