Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
114
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114 Theatralische Bibliothek.

Leben der griechischen Bnhlcrinnen vorgestellt. Diese häßlichen Schil-derungen können uns keinen richtigen Begrif von der häuslichen Auf-führung des römischen Frauenzimmers machen; und unsre Neugicrdcwird beständig ein für die Critik so wcitläuftigeS und fruchtbares Feldvermissen. Die Neuern, welche glücklicher (oder soll ich vielmehr sa-gen, verwegener?) waren, haben sich die Sitten des andern Geschlechtsbesser zu Nutze gemacht, und ihnen haben wir cS zu danken, daß esnunmehr nicht anders, als auf gemeine Unkosten lachen kann.

Das Jahrhundert des Augustus, welches fast alle Arten zur Voll-kommenheit brachte, ließ dem Jahrhunderte Lndcwigs des XIV. dieEhre, die komische Dichtkunst bis dahin zu bringen. Da aber dieAusbreitung des Geschmacks nur allmälich geschieht, so haben wir vor-her tausend Irrthümer erschöpfen müssen, ehe wir auf den bestimmtenPunkt gelangt sind, auf welchen die Kunst eigentlich kommen muß.Als unbehutsame Nachahmer des Spanischen Genies, suchten unsreVäter in der Religion den Stof zu ihren verwegenen Ergötzungen;ihre unüberlegte Andacht unlerstand sich, die allcrvcrehrungSwürdigstcnGeheimnisse zu spielen, und scheute sich nicht, eine ungeheure Vermischungvon Frömmigkeit, Ausschweifungen und Possen auf die öffentlichenBühnen zu bringen.

Hierauf bemächtigte sich, zufolge einer sehr widersinnigen Abwech-selung, der Geschmack an verliebten Abenlhcucrn unsrer Scene. Mansahe nichts als Romane, die aus einer Menge LiebShändcl zusammengesetzt waren, sich auf derselben verwirren und zum Erstaunen ent-wickeln. Alle das Fabelhafte und Unglaubliche der irrenden Ritter-schaft, die Zwcykäinpfe und Entführungen schlichen sich in unsre Lust-spiele ein; das Herz ward dadurch gefährlich angegriffen, und dieFrömmigkeit hatte Ursache darüber unwillig zu werden.

Endlich erschien Corneille/ welcher dazu bestimmt war, die eineScene sowohl, als die andre berühmt zu machen. Melite brachte eineneue Art von Komödie hervor; und dieses Stück welches uns jetzt soschwach und fehlerhaft scheint, stellte unsern erstaunten Vorältern Schön-heiten dar, von welchen man ganz und gar nichts wußte.

Unterdessen muß man doch erst von dem Lügner die Epoche derguten Komödie rechnen. Der grosse Corneille, welcher den Stof dazuaus einem spanischen Poeten zog, leistete damit dem französischen Thea-ter den allcrwichtigsicn Dienst. Er eröfnete seinen Nachfolgern den