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Theatralische Bibliothek.
Die Art und Weise des lateinischen Theaters ist eben so wenigfür sie," Es ist ganz und gar nicht die Weichmachung der Herzen,die PlautuS zum Gegenstand seiner Lustspiele gewählt hat. Keineeinzige von seinen «Fabeln, kein einziger von seinen Zwischcnfäl-len, kein einziger von seinen Eharaktcrn ist dazu bestimmt, daß wirThränen darüber vcrgicsscn sollen. ES ist wahr, daß man bey demTercnz einige rührende Scenen findet; zum Exempel diejenigen, woPamphiluS seine zärtliche Unruhe für die Glycerium, die er verführthatte, ausdrückt: allein die Stellung eines jungen verliebten Menschen,der von der Ehre und von der Leidenschaft gleich stark getrieben wird,hat ganz und gar keine Aehnlichkeit mit den Stellungen unsrer neuenOriginale. Tcreuz findet unter der Hand bewegliche Stellungen, der-gleichen die Liebe beständig hervorbringt; und er drückt sie auch mitdemjenigen Feuer und mit derjenigen ungekünstelten Einfalt aus,welche die Natur so wohl treffen, und auf einen gewissen Punkt feststellen. Ist aber dieses der Geschmack der neuen Schauspielschreiber?Sie wählen, mit allem Bedacht, eine traurige Handlung, und durcheine natürliche Folge find sie hernach verbunden, ihren vornehmstenPersonen einen klagenden Ton zu geben, und das Komische für dieNebenrollen aufzubehalten. Die Zwischcnfälle entstehen blos um neueThränen vcrgiessen zu lassen, und man geht endlich aus dem komischenSchauspiele mit einem von Schmerz eben so beklemmten Herze, alsob man die Medca oder den Thyest hätte aufführen sehen.
Bey den Alten also können die Urheber der neuen Gattungihre klägliche Weise nicht gelernt haben; und ihr Sieg würde nichtlange ungewiß bleiben, wenn er von ihren Beyspielen abhinge, oderauch nur von den Beyspielen der französischen Dichter, welche bis zuAnfange dieses Jahrhunderts auf unserm Theater geglänzt haben.Der Zusammenfluß so vieler wichtigen Exempel könnte ohne Zweifeleine siegende Ueberzeugung verursachen; gleichwohl aber will ich die-sem Vortheile auf ciuen Augenblick entsagen, und untersuchen, obdiese neue mit komischen und kläglichen Fügen vermischten Acccute ge-nau aus der Natur hcrgehohlct sind. Ich räume cS ein, daß der wi-drige Gebrauch, dem man zwanzig Jahrhunderte hindurch gefolgt ist,die Vernunft nicht aus ihrem Rechte verdungen kann, und daß
° Man redet hier von dem lateinischen Theater bloß nach Beziehungauf die zwey Schriftsteller, die uns davon übrig sind.
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