Betrachtungen über das weinerlich Komische. 123
Nächsten gehe. Der andere hingegen greift mir gewisse Fehler an,oder besser zu reden, er greift ganz und gar keine an- er sucht müh-sam nichts, als traurige und außerordentliche Stellungen, und mahltsie mit deu allerdunkclsten Farben. Der eine erfreut das Herz undvergnügt den Geist, durch ein lebhaftes und sich ausnehmendes Spiel,welches alle» Verdruß verjagt; der andere stürzt uns durch einen trau-rigen Ton wieder hinein, und giebt sich alle Mühe eure Seele durchgehäufte Erzchlungcn von UnglückSfällcn zu betrüben. Nun wage manes, den Lorzug zu entscheiden, oder leugne die Wahrheit dieser Charaktere.
Meine Gegner werden nunmehr unter ihren Einwürfen wählenmüssen; denn ob man schon, durch die Beantwortung aller und jeder,die Materie ergründen würde, so muß ich mich doch, zu Vermeidungder Weitläuftigkeit nur auf die scheinbarsten einschränken.
„Die Komödie ist das Bild der Handlungen des gemeinen Lebens,„oder, wenn man lieber will, der gewöhnlichen Laster oder Tugenden,„die den Zirkel desselben erfüllen. In der Schilderung so wohl der„guten, als schlechten Eigenschaften, bestehet daher ihre wesentliche„Beschaffenheit. Das Portrait der Menschen mit Genauigkeit entwer-ten, ihre Gemüthsneigungcn und Gesinnungen auf das deutlichste„ausdrücken, und diese Gemählde zum Vortheile der Sitten anwen-den; das heißt, auf einmal die grossen Gegenstände der Kunst und„des Künstlers fassen.
Obschon diese Grundsätze, überhaupt betrachtet, wahr sind, sokönnen sie doch nicht anders, als auf eine ganz indirectc Weise, aufdie komische Dichtkunst angewendet werden. Die Menschen mahlen,und ihre Gemüthsarten mit Genauigkeit ausdrücken, ist ein Zweck, denauch die la Rochefoucaults und die la Bruyere mit ihr gemeinhaben, die uns zwar Gemählde von Lastern und Tugenden überhaupt,niemals aber dramatische Gedichte haben liefern wollen. Die Schil-derungen der guten und bösen Eigenschaften macht also nicht an undfür sich selbst das Wesen der Komödie ans; die Wahl und die Mi-schung der Farben, die Stellung und der Ausdruck der Personen,diese sind es, die ihr vornehmlich Namen, Form und Wesen ertheilthaben.
Man muß daher den Gegenstand der Kunst und die Pflicht desKünstlers wohl unterscheiden. Der erstre ist durch den Tadel des La-sters und durch die Anpreisung der Tugend genugsam erfüllet. Der