Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
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124
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124 Theatralische Bibliothek.

andern aber ein Genüge zu thun, muß der Poet sich nothwendig sol-cher Farben bedienen, welche sowohl den allgemeinen Lastern, derglei-chen die Leidenschaften sind, die ihren Ursprung aus dem Herzen ha-ben, als den besondern Lächerlichkeiten, dergleichen die tbörigtcn Mo-den sind, die ihre Quelle in dem Verstände haben, eigenthümlich zu-kommen. Ferner muß er dazu eine anständige Handlung erwählen;er muß sie so einzurichten wissen, daß sie die vortheilhaftesten Wir-kungen hervorbringen kann; und muß überall Moral, vermittelst derspielenden Personen, mit einstreuen, welche Vernunft und Erfahrungzu dieser Absicht einmüthig bestimmt zn haben scheinen.

Nun ist es aber ganz und gar keine Frage, ob diese Moral ausdem Helden des Stücks fliesten soll, oder ob sie vielmehr der Gegen-stand aller Züge des Tadels und des Scherzes seyn soll. Die neueGattung scheint die erstre Methode angenommen zu haben: allein so-wohl die Grundsätze als die Beyspiele sind gleich stark darwicder.Nach den Grundsätzen ist die Komödie bestimmt, uns mehr Lasterund Ungereimtheiten, die wir vermeiden, als Tugenden, die wir nach-ahmen sollen, vorzustellen; und nach den Beyspielen, kömmt eS denNebenpersonen zu, die Maximen der Weisheit anzubringen. So hatMokiere dem Freunde des Misanthropcus, dem Schwager des Or-gons, dem Bruder des Sganarelle :c. die Sorge aufgetragen, uns dieGrundsätze der Tugenden vorzulegen, die er zu dem Gegenstande un-srer Nachahmung machen wollte; seine Originale aber hat er mit al-len Zügen der Satyre, des Tadels und des Lächerlichen überhäuft,von welchen er glaubte, daß sie sowohl zu unserm Ergötzen, als zuunserm Unterrichte dienen könnten.

Aus dem, was ich jezt gesagt, folgt unwidcrsprcchlich, daß dasOriginal einer wahren Komödie keine gänzlich tugendhafte Person seynkönne, wie es die Originale der neuen Gattung sind, und daß diesesein cingewiirzeltcr Uebelstand ist, vor dem uns alle Schönheiten derAusführung niemals gänzlich die Augen verblenden können. Vergebenswirft man ein, daß die satyrischen Züge, womit man die Originaleüberhäuft, nicht mehr zum Zwecke treffen; und daß sie unsre Eigen-liebe auf andre uns umgebende Gegenstände abzuwenden wisse. ° Um-sonst wird man uns zu überreden suchen, daß die neuen komischenDichter eben darum desto mehr Lob verdienten, weil sie anstatt der

° l.ellre lur lUelsniäe.