Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
125
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Betrachtungen über das weinerlich Komische.

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lasterhaften Charaktere lauter Personen, die voller Empfindungen derEhre waren, eingeführet hätten; daß wir tugendhaften Maximen unserHerz von selbst ausschlössen, und ste mit Vergnügen uns einflösscn lies-sen, wenn man nur ein wenig uns auf der rechten Seite zu fassenwüßte. Alle diese Gründe find verfänglicher als wahr; blendender alsgründlich. Lasset ste uns einmal aus ihren Wirkungen beurtheilen, denndiese sind sichrer, als alle Vernünftelet).

Was hat denn nun jene leichte und hochmüthige AuSkrahmungschöner und grosser Gesinnungen den Sitten genützt« Was für Wir-kungen hat denn jene glänzende Moral auf unsre Herzen und auf un-sern Verstand gehabt? Eine unfruchtbare Bewunderung, eine Blendungauf wenige Augenblicke, eine überhingehcnde Bewegung, welche ganzunfähig ist, uns in uns selbst gehen zu lassen. So viele auf dasallcrfeinsie vorbereitete Sittensprüche, so viel zierlich auSgekrahmte Vor-schriften sind für die Zuschauer völlig in Wind gesagt. Man bewun-dert Melaniden, und belauert sie: allein ihr unaufhörlich kläglicherTon, und die Erzchlung ihrer romanhaften Zufälle, machen auf unskeinen nützlichen Eindruck, weil sie mit der Stellung, worinne wir unsbefinden, ganz und gar keine Gemeinschaft haben. Das Schicksal derAufseherin bewegt und rühret uns, allein ihre ganz besondern Um-stände haben mit den unsrigen gar nichts gemein. </) Wir treffen inuns selbst nichts an, was wir mit den Abentheuern in Vcrgleichungbringen können, die blos unter die möglichen Dinge gehören, und alsogar nicht für unS gemacht zu seyn scheinen. Man wird, wenn manes ja gestehen muß, bey dem Anblicke so sinnreicher Gemählde, ergrif-fen, durchdrungen, bewegt; allein man fühlet für unS selbst, in diesemZusammenflüsse von Begebenheiten, mit welchen der ordentliche Lanfmenschlicher Dinge uns gewiß verschonen wird, weder Reue, nochScham, noch Furcht.

Ganz anders ist es mit den Schilderungen bcwandt, welche der

(1) Der Stoff einer Komödie muß aus den gewöhnlichen Begebenheitengenommen seyn; und ihre Personen müssen, von allen Seiten, mit demVolke, für das sie gemacht wird, eine Aehnlichkcit haben. Sie hat nichtnöthig, diese ihre Personen auf ein Fußgcsiclle zu erhöhen, weil ihr vornehm-ster Entzweck eben nicht ist, Brwundnmg für sie zu erwecken, damit man siedesto leichter beklagen könne; sie will aufs höchste, durch die vcrdrüßlichcnZufälle, die ihnen begegnen, uns für sie ein wenig unruhig machen. Du-bos kritische Betrachtungen Th. 11. S. 226.