Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
126
Einzelbild herunterladen
 

126 Theatralische Bibliothek.

Dichter von den Lastern und von dem Lächerlichen macht; sie findenbey uns allen Statt, und auch der vollkommenste Mensch trägt so-wohl in seinem Verstände, als in seinem Herzen beständig den Saa-inen gewisser Ungereimtheiten und gewisser Fehler, welche sich bey Ge-legenheit entwickeln. Wir finden uns also in dem Gemählde solchermit der Menschheit verbundenen Schwachheiten getroffen, und sehendarinne was wir sind, oder wenigstens seyn können. Dieses Bild,welches zu dem unsrigcn wird, ist eines von den einnehmendsten Ge-genständen, und erleuchtet unsre Seelen mit gewissen Lichtstrahlen, diedesto heilsamer sind, je fähiger ihre Ursache, die Furcht vor der Schandeund dem Lächerlichen, zu seyn Pflegt, uns zu heilsamen Entschljessnn-gcn zu bewegen. So ward der stolze und unversöhnliche Hausse derHeuchler durch das Gemählde von den Laster» des scheinheiligen De-triegers zu Boden geschlagen. Tausend Schuldige wurden in Har-nisch gejagt, und beklagten sich mit so viel grösserer Bitterkeit, jeempfindlicher sie waren getroffen worden. Bey den Vorstellungen desGeorge Dandins lassen auch die verhärtestcn Ehemänner auf ihrenGesichtern die Bewegung spuren, die sie alsdenn empfinden, wenn ihreUmstände mit den Umständen des Originals allzusehr übereinstimmen;diese Uebereinstimmungen sind nicht selten, ob sie schon durch denMangel der Bildung oder des Genies, durch den Geschmack an Ver-änderungen und den Eigensinn, so vielfältig gemacht werden, als siees durch die Verschiedenheit der Gcbnrth sind. Die ohne Unterlaßwieder jung werdenden Schilderungen der Diafoiren haben vielleichtnicht wenig dazu beygetragen, daß die Aerzte ihren blinden Eigensinnfür die alte Methode verlassen haben, ohne daß sie eben zu jenenkühnen Versuchen wären gereizt worden, von welchen man schalkhaftgenug vorgiebt, daß wir dann und wann derselben Opfer sey» müß-ten, lind wem ist endlich unbekannt, daß die muntern und beißen-den Züge der gelehrten Nleiber und der kostbar Lächerliche»/auf das plötzlichste das schöne Geschlecht von diesen zwey Unsinnigkci-ten abgebracht haben?

Ich gebe zu, daß andre Charaktere, welche eben sowohl getroffenwaren, keine so merkliche Wirkungen gehabt haben. Der eingebil-dete Rranke hat nicht alle Orgons von ihren Dünsten bcfrcyet; essind nicht alle Menschenfeinde gesellschaftlicher, noch alle Grafen vonTufiere bescheidner geworden. Allein was ist der Grund davon? Er