Betrachtungen über das weinerlich Komische. 427
ist dieser; weil die Fehler von dieser Art das rcchtschafue Wesen nichtangreifen, und weil man so gar in der Welt Leute anlrift, die sicheine Ehre daraus machen. Zärtliche LeibeSbeschaffcnhcitcn setzen ge-meiniglich zärtliche Seelen voraus. Eine strenge und unwillige Ge-müthsart ist fast immer mit viel Rechtschaffeuheit verbunden; der Her-zog von Montausier hielt es nicht für seiner unwürdig, ein Men-schenfeind zu seyn. Und ein gewisser Stolz endlich, entstehet nichtselten aus einer vernünftigen Empfindung seiner eignen übersehendenGröße. DaS Vorurtheil ringet bey solchen (Äclcgenheiten glücklich mitden Spöttcrcyen des Tadels, da es Gegentheils gegen die komischeSchilderung eines Lasters des Herzens, oder eine Lächerlichkeit im ge>scllschaftlichc» Leben, oder eine Ungereimtheit des Verstandes, gewißnicht bestehen wird. Der Gegenstand der beschämenden Bemerkungender Zuschauer, will man durchaus nicht seyn, es koste auch, was eswolle; und wenn man sich auch nicht wirklich bessert, so ist man dochgezwungen sich zu verstellen, damit man öffentlich weder für lächerlichnoch für verächtlich gehalten werde.
Und so wären wir denn endlich auf die lezte Ausflucht gebracht,welche über alle Beyspiele und Gründe sieget. Diese neue komischeGattung, sagt man, gefällt;" das ist genug, und die Regeln thundabey nichts.
Mau berufe sich nicht zur Bestätigung dieser zn allgemeinen undeben deswegen gefährlichen Maxime auf den Einfall Sr. Hoheit desPrinzen über die regelmäßige aber verdrüßlichc Tragödie des Abts vonAubignac. Die Anwendung der Regeln verursachte den Fall diesesStücks gar nicht; sondern die schlechte Colon:e seines Pinsels schluges nieder. Tech weil ich mir vorgenommen habe meinen Gegnern nursolche Gründe entgegen zu setzen, von welchen ich selbst überzeugt bin,so will ich es ihnen vorläufig einräumen, daß das kläglich Komischegroße Bewegungen und oft angenehme Empfindungen verursache. Al-lein, wenn ich auf einen Augenblick die ganze Frage dahinaus lanffenlasse, bey welcher Galtung das größere Vergnügen anzutreffen sey,so behaupte ich, daß jene neuere uns kein so manuichfaltigcs und na-türliches Vergnügen verschaffen könne, als die Gattung welche in demJahrhunderte des Mokiere herrschte.
° S. den Prolog des Lustspiels Liebe für Liebe,