Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
128
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1W Theatralische Bibliothek.

Zuerst findet man in den weinerlichen Komödien alle die rührungs-losen leeren Plätze, die man bey Lesung eines Romans findet. Siesind eben so wie diese mit crzwungnen Verwicklungen, mit ausseror-dentlichcn Stellungen, mit übertriebene» Charakteren angefüllt, welcheoft wahrer als wahrscheinlich sind; und wenn sie in unsrer Seele jene,nichts weniger als willkührliche, Bewegungen verursachen, die sie aufeinige Augenblicke bezauberu, so kömmt es daher, weil wir bey demAnblicke auch der crdichtesien Gegenstände gerührt werden, wenn sienur mit Kunst geschildert sind. Allein man merke wohl, daß die Rüh-rungen weder so einnehmend sind, noch eben dieselbe Dauer und ebendenselben Charakter der Wahrheit haben, welchen die getreue Nachah-mung einer ans dem Innersten der Natur geschöpften Stellung her-vorbringt.

In der That, wenn die dramatischen Erdichtungen uns um so viellebhafter rühren, je näher sie der Wirklichkeit kommen, so müssen dieErdichtungen der neuen Gattung so viel schwächere Eindrücke machen,je entgegengesctzicr sie der Wahrscheinlichkeit sind. Es ist ein Wunder-werk der Kunst nöthig gewesen, um uns die Abentheuer einer Frauannehmlich zu machen, die nach siebzehn Jahren einer heimlichen Ver-mählung und eines eingebildeten Gefängnisses, auf einmal sich ausdem Schooße ihrer Provinz aufmacht, und nach Paris kommt, einenuntreuen Mann aufzusuchen, der sie, ob er sie schon alle Tage zu se-hen bekommen könnte, doch nicht eher, als bey der Entwicklung findet.So und nicht anders ist der romanenhafte Gründ beschaffen, auf wel-chen das Gebäude des weinerlich Komischen gemeiniglich aufgeführt ist,oder vielmehr nothwendig aufgeführt sein muß; und diesen muß sichder Zuschauer gefallen lassen, wenn er anders Vergnügen daran findenwill. Die Oper sezt bey weitem nicht so viel Triebfedern in Bewe-gung, um uns durch das Glänzende ihrer AuSzicruugen zu verblen-den, als das kläglich Komische Täuschungen anwendet, um eine schmerz-haft angenchmc Empfindung in uns zu erwecken.

Die Eindrücke des Vergnügens, welche das wahre Komische her-vorbringt, sind von einer ganz andern Beschaffenheit. Es geschiehetallezeit mit einem stets neuen Vergnügen, so oft wir jene von derNatur erkannte Schilderungen, dergleichen der Menschenfeind, der Gei-zige, der Stumme, der Spieler, der Mürrische, der Ruhmredige undandre find, wieder vorstellen sehen, oder sie aufs neue lesen. Oder,