Betrachtungen über das weinerlich Komische. 120
wenn wir uns in kleine Stücke einlassen wollen, wird man es wohljemals satt, die wahren komischen Auftritte zu sehen, zum Exempeldie Auftritte des HarpagonS mit der Euphrosine, des Valers mit demMeister Jacob, de§ bürgerlichen Edelmanns mit seinem Mädchen undseinen verschiednen Lehrmeistern, die pedantische Zänkcrcy des Trisso-tins und des VadinS; oder auch in einer höhern Art, das feine undsinnreiche Gespräch des Merkurs mit der Nacht, die vcrlcumdrische Un-terredung der Cölimcne mit dem Marquis und ihre sinnreiche Art, derspröden Arsinoe ihre spitzigen Anzüglichkeiten wieder zurück zu geben?Verursachen uns wohl die am meisten glänzenden Moralien, wann sieauch bis zum Thränen getrieben werden, jemals ein so lebhaftes, einso wahres und ein so daurendes Vergnügen?
Doch die Verringerung und Schwächung unseres Vergnügens, oderdie Unnützlichkeit einer ernsthaften und traurig spruchreichen Moral,ist der gegründcste Vorwurf noch nicht, den man der neuen Art vonKomödien machen kann: ihr vornehmster Fehler ist dieser, daß sie dieGrenzen gar aufhebt, welche von je her das Tragische von dem Ko-mischen getrennt haben, und uns jene ungeheure Gattung des Tragi-komischen zurück bringet, welche man mit so vielem Grunde, nach ver-schiednen Iahren eines bctrieglichen Triumphs, verworffcn hat. Ichweis wohl, die neue Art hat bey weitem nicht so viele und grosse Un-gereimtheiten; die Verschiedenheit ihrer Personen ist nicht so anstößig,und die Bedienten dürfen darinnc nicht mit Prinzen zusammen spielen:allein im Grunde ist sie doch eben so fehlerhaft, ob schon auf einevcrschiedne Weise. Denn wie die crstre Art die heroischen Personenerniedrigte, indem sie ihnen bloß gemeine Leidenschaften gab, und nurdie gewöhnlichen Tugenden aufführte, die zu dem hcldenmäßigcn derTragödie lange nicht erhaben genug sind; eben so erhöhet die andredie gemeinen Personen zu Gesinnungen, welche Bewunderung erwecken,und mahlt sie mit Zügen jenes reihenden Mitleids, welches das unter-scheidende Eigenthum des Trauerspiels ausmachet. Beyde sind alsodem Wesen, welches man dem komischen Gedichte zugestanden hat,gleich sehr zuwider; beyde verdienen also einen gleichen Tadel, undvielleicht auch eine gleiche Ncrbannnng.
Als das Tragikomische zuerst aufkam, glaubte man, ohne Zweifel,das Gebiethe der komischen Muse erweitert zu haben, und billigle alsoanfangs diese kühne Erfindung. Mit eben dieser Einbildung geschmci-
Lesmigs Werke IV. 9