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Betrachtungen über das weinerlich Komische. 131
sehr leichte Austragung der Farben erlauben, zurückgehalten werden?Allein könnten sie nicht, nach dem Beyspiele des Meliere, an denNebenrollen dasjenige einbringen, was ihnen an der Untcrstüzung desHauptcharaktcrS abgehet? Und brauchen sie denn weniger Kunst darzu,wenn sie uns in Komödien eingekleidete Romane wollen bewundernlassen, oder weniger Genie, um sich in dem engen Bezirke, in welchensie sich einschliessen, zu erhalten? Da sie nur auf eine einzige Empfin-dung, des Mitlcidcns nehmlich, eingeschränkt sind, so haben wir viel-mehr zu furchten, daß sie uns, durch die Einförmigkeit ihres Tonesund ihrer Originale, Frost und Eckel erwecken werden. Denn in derThat, wie die Erkennungen beständig mit einerley Farben vorbereitet,Herzugeführer, und aufgeschlossen werden, so ist auch nichts dem Ge-mählde einer Mutter, welche ihr und ihrer Tochter Unglück beklagt,ähnlicher, als das Bild einer Frau, welche über ihr und ihres Soh-nes Unglück Thränen vergießt. Fließen aber hieraus nicht nothwendigWicderhohlnngen, die nicht anders, als verdrüfilich seyn können?
Wie weit übertrift das wahre Komifche eine so unfruchtbare Gat-tung! Nicht allein alle Charaktere und alle Stände, nicht allein alleLaster und Lächerlichkeiten sind seinen Pfeilen ausgesetzt; sondern eshat auch noch die Freyheit die Farben zu verändern, womit eben die-selben Originale, und eben dieselben Ungereimtheiten gemahlt werdenkönnen. Und auf diesem Wege findet man nirgends Grenzen; dennvbschon die Menschen zu allen Feiten einerley Fehlern unterworfensind, so zeigen sie dieselben doch nicht immer auf einerley Art. DieAlten, in dieser Absicht, sind den Neuern sehr ungleich; und wir selbst,die wir in den jetzigen Tagen leben, haben mit unsern Vätern sehrwenig ähnliches.
Zu den Feiten des Möllere und der Corneille», besonders zuAnfange ihres Jahrhunderts, konnte man die gelehrten und witzigenKöpfe von Profcßiou mit griechischen und lateinischen Citationen aus-gcspickt, über ihre barbarischen Schriftsteller verdüstert, in ihren Sittengrob und unbicgsam, und in ihrem Acusscrlicheu nachlässig und schmu-tzig vorstelle». Diese Züge passen schon seit langer Zeit nicht mehr.Das pedantische Ansehen ist mit jener tiefen Gelehrsamkeit, die ausLesung der Originale geschöpft war, verschwunden. Man begnügt sich,wenn ich so reden darf, mit dem blossen Lcrnis der Litteratur, undden meisten von unsern Neuern ist ein leichtes und sich ausnehmendes
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