Abhandlungen v. dein weincrl. oder rührenden Lustspiel. 153
Frage thun. Man kann fragen, ist ein solches Stück dasjenige,was man von je her unter dem Namen Komödie verstandenhat? Und darauf antwortet Hr. Geliert selbst Nein. Zst esaber gleichwohl ein Schauspiel, welches nützlich und für gewisseDcnkungsartcn angenehm seyn kann? Za; und dieses kann derfranzösische Verfasser selbst nicht gänzlich in Abrede seyn.
Worauf kömmt es also nun noch weiter an? Darauf, sollteich meinen, daß man den Grad der Nützlichkeit des neuenSchauspiels, gegen die Nützlichkeit der alten Komödie bestimme,und nach Maaßgcbung dieser Bestimmung entscheide, ob manbeyden einerley Vorzüge einräumen müsse oder nicht? Ich habeschon gesagt, daß man niemals diejenigen Stücke getadelt habe,welche Lachen und Rührung verbinden; ich kann mich dicscr-wcgen unter andern darauf berufen, daß man den Destouckesniemals mit dem la Chaussee in eine Klasse gesetzt hat, unddaß die hartnäckigsten Feinde des letzter», niemals dem erster»den Ruhm eines vortrcflichcn komischen Dichters abgesprochenhaben, so viel edle Charaktere und zärtliche Scenen in seinemStücke auch vorkommen. Za, ich getraue mir zu behaupten,daß nur dieses allein wahre Komödien sind, welche so wohl Tu-genden als Laster, so wohl Anständigkeit als Ungereimtheit schil-dern, weil sie eben durch diese Vermischung ihrem Originale,dem menschlichen Leben, am nächsten kommen. Die Klugenund Thoren sind in der Welt untermengt, und ob es gleichgewiß ist, daß die erster» von den letztem an der Zahl übcr-troffcn werden, so ist doch eine Gesellschaft von lauter Thore»,beynahe eben so unwahrscheinlich, als eine Gesellschaft von lau-ter Klugen. Diese Erscheinung ahmet das Lustspiel nach, undnur durch die Nachahmung derselben ist es fähig, dem Volkenicht allein das, was es vermeiden muß, auch nicht allein das,was es beobachten muß, sondern beydes zugleich in einem Lichtevorzustellen, in welchem das eine das andre erhebt. Man siehtleicht, daß ma» von diesen, wahre» u»d ciuigc» Wege auf einedoppelte Art abweiche» kann. Der einen Abweichung hat manschon längst den Namen des Posscnspiels gegeben, dessen cha-rakteristische Eigenschaft dariime besteht, daß es nichts als La-ster und Ungereimtheiten, mit keinen andern als solchen Zügen