II. Leben des Herrn Jacob Thomson.
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Als er auf gedachter Schule die lateinische und griechischeSprache lernte, besuchte er oft einen Geistlichen, dessen Kirch-spiel mit dem Kirchspiele seines Vaters in eben demselben Prcs-bytcriate lag. Es war dieses der Herr Rickenon, ein Mannvon so besondern Eigenschaften, daß sehr viel Leute von Ein-sicht, und Herr Thomson selbst, welcher mit ihm umging, er-staunten, so große Verdienste an einem dunkeln Orte auf demLande vergraben zu sehen, wo er weder Gelegenheit hatte sichzu zeigen, noch sonst mit Gelehrten umzugehen, außer etwa beyden periodischen Zusammenkünften der Geistlichen.
Ob nun schon der Lehrmeister unsers Thomsons seinenSchüler kaum mit einem sehr geringen Verstände begabt zu seynglaubte, so konnte sich doch den Augen des Hrn. Rickerron des-sen Genie nicht entziehen. Er bemerkte gar bald eine frühzeitigeNeigung zur Poesie bey ihm, wie er denn auch nach der Zeitnoch verschicdne von den ersten Versuchen, die Hr. Thomsonin dieser Provinz gemacht hatte, aufhob.
Ohne Zweifel nahm unser junge Dichter, durch den fernernUmgang mit dem Hrn. Rickerton sehr zu, welcher ihm dieLiebe zu den Wissenschaften einflößte. Und die Einsicht in dienatürliche und sittliche Philosophie, welche er hernach in seinenWerken zeigte, hatte er vielleicht nur den Eindrücken diesesGelehrten zu danken.
So wenig nun aber Hr. Rickerton den jungen Thomsonfür einen Menschen ohne alle Gabe hielt, sondern vielmehr einsehr feines Genie an ihm wahrnahm: so hätte er sich doch, wieer oft selbst gestanden, niemals eingebildet, daß er es so weitbringen und auf eine so erhabne Staffel unter den Dichtern ge-langen sollte. Als er daher zuerst Thomsons Minrcr zu sehenbekam, welches in einem Buchladcn zu Edinburgh geschah, er-stauncte er ganz, und ließ, nachdem er die ersten Zeilen dessel-ben, welche nicht erhabener seyn könnten, gelesen hatte, dasBuch vor Verwundrung und Entzücken aus den Händen fallen.
Nachdem Hr. Thomson die gewöhnliche Zeit mit Erlernungder todten Sprachen auf der Schule zugebracht, ward er aufdie Universität nach Ädinburg geschickt, wo er seine Studienenden und sich zu dem geistlichen Amte tüchtig machen sollte.