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220 Theatralische Bibliothek.
Ist denn ein Jude, wie ich ihn angenommen habe, vor sichselbst unwahrscheinlich? Und warum ist er es? Man wird sichwieder auf die obigen Ursachen berufen. Allein, können denndiese nicht wirklich im gemeinen Leben eben so wohl wegfallen,als sie in meinem Spiele wegfallen? Freylich muß man, die-ses zu glauben, die Juden näher kennen, als aus dem lüdcrli-chen Gcsindcl, welches auf den Jahrmärkten hcrumschwcift. —— Doch ich will lieber hier einen andern reden lassen, demdieser Umstand näher an das Herz gehen muß; einen aus die-ser Nation selbst. Ich kenne ihn zu wohl, als daß ich ihmhier das Zeugniß eines eben so witzigen, als gelehrten und recht-schaffen Mannes versagen könnte. Folgenden Brief hat er beyGelegenheit der Göttingischcn Erinnerung, an einen Freund inseinem Volke, der ihm an guten Eigenschaften völlig gleich ist,geschrieben. Ich sehe es voraus, daß man es schwerlich glau-ben, sondern vielmehr diesen Brief für eine Erdichtung von mirhalten wird; allein ich erbiethe mich, denjenigen, dem darangelegen ist, unwidcrsprcchlich von der Avthcnticität desselben zuüberzeugen. Hier ist er.*)Mein Herr,
„Ich überschicke Ihnen hier, das 70 Stück der Göttinaschen ge-kehrten Anzeigen. Lesen Sie den Artickcl von Berlin . Die Herren„Anzeiger rccensiren den ^iten Theil der Leßingschen Schriften, die„wir so oft mit Vergnügen gelesen haben. Was glauben Sie wohl,„daß sie an dem Lustspiele, die Juden/ aussetzen? Den Hauptcharak-„tcr, welcher, wie sie sich ausdrücken, viel zu edel und viel zu groß-müthig ist. Das Vergnügen, sagen sie, daß wir über die Schönheit„eines solchen Charakters empfinden, wird durch dessen Unwahrschein-„lichkcit unterbrochen, und endlich bleibt in unsrer Seele nichts, als„der blosse Wunsch für sein Daseyn übrig. Diese Gedanken machten„mich schamroth. Ich bin nicht im Stande alles auszudrücken, was„sie mich haben empfinden lassen. Welche Ernicdrung für unsere be-
") ,/Michaelis war der Göttingische Recensent. Der Brief ist vonMoses Mendelssohn , und an den Doctor Gumper;, einen Arzt inBerlin , der aber nicht praktisirte, sondern von seinen Mitteln lebte, und sicheigentlich mit Mathematik beschäftigte. Gumper; war um die damaligeZeit Sccrerair bev Maupertuis ." Rarl G. -Lessmg.