Ueber das Lustspiel die Juden. 221
„drcngte Nation! Welche übertriebene Verachtung! Das gemeine„Volk der Christen hat uns von je her als den Auswurf der Natur,„als Geschwüre der menschlichen Gesellschaft angesehen. Allein von ge-kehrten Leuten erwartete ich jederzeit eine billigere Beurtheilung; von„diesen vermuthete ich die uneingeschränkte Billigkeit, deren Mangel„nns insgemein vorgeworfen zn werden pflegt. Wie sehr habe ich„mich geirrt, als ich einem jeden Christlichen Schriftsteller so viel„Aufrichtigkeit zutrauete, als er von andern fordert.
„In Wahrheit! mit welcher Stirne kann ein Mensch, der noch„ein Gefühl der Redlichkeit in sich hat, einer ganzen Nation die„Wahrscheinlichkeit absprechen, einen einzigen ehrlichen Mann aufwei-ten zu können? Einer Nation, ans welcher, wie sich der Verfasser„der Juden ausdrückt, alle Propheten und die grössestcn Konige„aufstanden? Ist sein grausamer Richterspruch gegründet? Welche„Schande für das menschliche Geschlecht! Ungegründet? Welche„Schande für ihn!
„Ist es nicht genug, daß wir den bittersten Haß der Christen auf„so manche grausame Art empfinden müssen; sollen auch diese Unge-rechtigkeiten wider uns durch Verleumdungen gercchtfertiget werden?
„Man fahre fort uns zn unterdrücken, man lasse uns bestandig„mitten unter freyen und glückseligen Bürgern eingeschränkt leben, ja„man setze uns ferner dem Spotte und der Verachtung aller Welt„aus; nur die Tugend, den einzigen Trost bedrengtcr Seelen, die„einzige Zuflucht der Verlassenen, suche man uns nicht gänzlich ab-zusprechen.
„Jedoch man spreche sie uns ab, was gewinnen die Herren Re-censenten dabey? Ihre Kritik bleibet dennoch unverantwortlich. Ei-gentlich soll der Charakter des reisenden Juden (ich schäme mich,„wann ich ihn von dieser Seite betrachte) das wunderbare, das un-erwartete in der Komödie seyn. Soll nun der Charakter eines hoch-„müthigcn Bürgers der sich zum türkischen Fürsten machen läßt, so„unwahrscheinlich nicht seyn, als eines Juden, der großmüthig ist?„Laßt einen Menschen, dem von der Verachtung der jüdischen Nation„nichts bekannt ist, der Aufführung dieses Stückes beywohnen; er„wird gewiß, während des ganzen Stückes für lange Weile gähnen,„ob es gleich für uns sehr viele Schönheiten hat. Der Anfang wird„ihn auf die traurige Betrachtung leiten, wie weit der Nationalhaß