222 Theatralische Bibliothek.
„getrieben werden könne, und über das Ende wird er lachen müssen.„Die guten Leute, wird er bey sich denken, haben doch endlich die„grosse Entdeckung gemacht, daß Juden auch Menschen sind. So„menschlich denkt ein Gemüth, das von Vorurtheilen gereinigt ist.
„Richt daß ich durch diese Betrachtung dem Leßingschcn Schau-spiele seinen Werth entziehen wollte; keines weges! Man weis daß„sich der Dichter überhaupt, und ins besondere wenn er für die Schan-„bühne arbeitet, nur nach der unter dem Volke herrschenden Meinung„zu richten habe. Nach dieser aber muß der unvcrmuthete Charakter„des Juden eine sehr rührende Wirkung auf die Zuschauer thun. Und„in so weit ist ihm die ganze jüdische Nation viele Verbindlichkeit„schuldig, daß er sich Mühe giebt, die Welt von einer Wahrheit zu„überzeugen, die für sie von grosser Wichtigkeit seyn muß.
„Sollte diese Recension, diese grausame Scelcnverdammung nicht„aus der Feder eines Theologen geflossen seyn? Diese Leute denken„der Christlichen Religion einen grossen Vorschub zn thun, wenn sie„alle Menschen, die keine Christen sind, für Mcichclmördcr und Stras-„scnräubcr erklären. Ich bin weit entfernt, von der Christlichen Re-ligion so schimpflich zu denken; das wäre ohnflreitig der stärkste Bc-„weis wider ihre Wahrhaftigkeit, wenn man sie festzustellen alle„Menschlichkeit aus den Augen setzen müßte.
„Was können uns unsere strengen Beurtheilcr, die nicht selten„ihre Urtheile mit Blute versiegeln, erhebliches vorrücken? Laufen„nicht alle ihre Vorwürfe auf den unersättlichen Eeitz hinaus, den sie„vielleicht durch ihre eigene Schuld, bey dem gemeinen jüdischen Hau-„fcn zu finden, frohlocken? Man gebe ihnen diesen zu; wird es denn„deswegen aufhören wahrscheinlich zu seyn, daß ein Jude einem Chri-„sien der in räuberische Häude gefallen ist, das Leben gerettet haben„sollte? Oder wenn er es gethan, muß er sich nothwendig das edle„Vergnügen, seine Pflicht in einer so wichligen Sache beobachtet zn„haben, mit niederträchtigen Bclohnungeu versalzen lassen? Gewiß„nicht! ZuvorauS wenn er in solchen Umständen ist, in welche der„Jude im Schauspiele gesetzt worden.
„Wie aber, soll dieses unglaublich seyn, daß unter einem Volke„von solchen Grundsätzen und Erziehung, ein so edles und erhabenes„Gemüth sich gleichsam selbst bilden sollte? Welche Beleidigung! so ist„alle unsere Sittlichkeit dahin! so regt sich in uns kein Trieb mehr