Druckschrift 
4 (1838)
Entstehung
Seite
271
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Von den Trauerspielen des Seneca,

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Hiermit gehen beyde Theile ab, und der zu diesem Aufzugegehörende Chor erhebt die brüderliche Liebe des Atrcus, demman kaum einen Funken derselben hätte zutrauen sollen. Ervergleicht diese nach langen Verfolgungen wieder hergestellteFreundschaft, einer angenehmen Mcerstillc, welche auf einenschrecklichen Sturm folgt. Er macht dabey Schilderungen überSchilderungen, welche keinen andern Fehler haben, als daßsie die Aufmerksamkeit des Zuschauers zerstreuen. Vielleicht zwar,daß sie diesen Fehler nicht gcäusscrt haben, wenn die Alten an-ders die Kunst, etwas so zierlich hcrzusingen, daß man keinWort davon errathen kann, eben so gut verstanden haben, als

wir Neuern sie verstehen.--Der Schluß dieses Chors sind

abermals einige moralische Anwendungen über das veränderlicheGlück, besonders der Grossen.O ihr, welchen der Herrscherüber Erd und Meer, das grosse Recht des Lebens und desTodes anvertrauet hat, entsaget den stolzen aufgeblasenen Ge-behrdcn. Was der Geringere von euch fürchtet, eben dasdrohet euch ein größrcr Herr. Zcdcs Reich stehet unter ei-nem noch mächtigern Reiche. Oft sahe einen, den der an-brechende Tag im Glänze fand, der untergehende im Staube.Niemand traue dem ihn anlachenden Glücke; niemand ver-zweifle, wenn es ihm den Rücken zukehret. Llocho mischt gu-tcs und böses, und treibt unaufhörlich das Rad des Schick-sals um zc.

Vierter Aufzug.

Zn dem Zwischenraum dieses und des vorhergehenden Auf-zuges, muß man sich vorstellen, daß Atreus seine Grausamkei-ten begangen habe. Sie waren zu schrecklich, als daß sie derDichter, der sich der Regel des Horaz ohne Zweifel erinnerte:

Nee pueros coram po^ulo Uedva truciclet:

/tttt,ttt?i« /»a/aM co^?«ttt »ie/aTv'ttL ^ti'SttL.

dem Zuschauer hätte zeigen sollen. Er läßt sie also blos crzch-lcn; und giebt sich, diese Erzchlung mit dem Ganzen auf einekunstmäßige Art zu verbinden, so wenig Mühe, daß er weiternichts thut, als einen Mann, den er Runeius nennt, heraus-kommen und dem Choic von dem, was er gesehen hat, Nach-richt geben läßt. Der Chor wird also hier zu einer spielenden