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nun müßte man die französische Tragödie ganz und gar nichtkennen, wenn man etwas anders vermuthen könnte, als daß sichder Bruder in seine Stiefschwester werde verliebt haben. Richtig!Unter diesen Umständen fängt das Trauerspiel an, welches,Dank sey unter andern dem Schiffbruchc, nunmehr zu Lhalcis,einer Stadt in Enboea vorgehen kann, da man doch ganz ge-wiß vermuthen sollte, es werde entweder in Argos, oder dochin tNycen vorgehen. Von dieser Erzchlung, sieht man alsowohl, stimmt das allerwenigste mit der Geschichte übcrcin. Dochda man dem tragischen Dichter nie ein Verbrechen daraus ge-macht hat, diese zu verändern; so würde es mir sehr übel ste-hen, wenn ich den Herrn Crebillon deswegen tadeln wollte.Aber einer andern Kleinigkeit wegen könnte ich ihn vielleichtmit mehrcrm Rechte tadeln; deswegen nehmlich, daß er die geo-graphische Wahrscheinlichkeit hin und wieder gar merklich verletzthabe. Denn man darf nur die Charte von Griechenland vorsich nehmen, so wird man sich gar bald wundern, was Thyest,der von Athen nach Argos schiffen wollte, in dem Eoripuszu suchen gehabt? und wie ihn ein Sturm bis nach Lhalcishabe verschlagen können? Man kann wohl die Geschichte än-dern; aber die Erdbeschreibung muß man ungcändert lassen.Zwar wie hat Herr Crcbillon wohl vermuthen können, daßein ängstlicher Deutscher seine Werke so genau betrachten werde?Kein Wort also mehr davon. Man wirst denen, die sich ansolche Schwierigkeiten flössen, nur allzuoft vor, daß sie unfähigwären, wesentlichere Schönheiten zu empfinden. Diesen Vor-wurf möchte ich nicht gern zu verdienen scheinen. Ich kommeauf den Auszug des Stückes selbst:
Erster Aufzug. Atrcns giebt Befehl, daß sich die Flottefertig halten solle, wieder unter Segel zu gehen. Er bleibthierauf mit seinem Vertrauten, dem LLuristhenes, allein, undentdeckt ihm sein Vorhaben; daß Plisthcnes sein Sohn nichtsey, sondern daß er ihn nur deswegen so lange dafür ausgege-ben, um sich an den Thuest, durch die eigne Frucht seiner la-sterhaften Liebe, rächen zu können. Diese Scene ist zum Theileine Nachahmung des zweiten Acts des lateinischen Dichters.Zn der folgenden erscheint Plisthcncs, welchen sein vermeinter