302 Theatralische Bibliothek.
der Vorrede, in welchem man verschiedene hichcr gehörige Ge-danken finden wird. „Fast ein jeder, sagt er, hat sich wieder„den Inhalt dieses Trauerspiels empört. Zch kann weiter nichts„darauf antworten, als dieses, daß ich nicht der Erfinder da-„von bin. Zch sehe wohl, daß ich Unrecht gethan habe, mir„die Tragödie allzusehr als eine schrcklichc Handlung vorzustel-len, die den Zuschauern unter rührenden Bildern müsse ge-zeigt werden, und die sie zum Mitleiden und Schrecken bcwc-„gen solle, doch ohne Züge, welche den Wohlstand und die„Zärtlichkeit beleidigen könnten. Es kömmt also nur darauf an,„ob ich diesen so nöthigen Wohlstand beobachtet habe. Zch„glaube mich dessen schmeicheln zu dürfen. Zch habe nichts ver-gessen, was meinen Stof lindern und unsern Sitten gemäß„einrichten könne. Um den Atreus unter keiner unangenehmen„Gestalt zu zeigen, lasse ich die Aerope von dem Altare selbst„entführet werden, und setze diesen Prinz, (wenn ich hier diese„Begleichung brauchen darf,) gerade in eben den Fall des bc-„zaubcrtcn Bechers bey dem la Fontaine.
I^'otoit-il? no I'oto!t-il pomt?„Zch habe durchaus die Fabel verändert, um seine Rache wc-„nigcr schrecklich zu machen, und mein Atreus ist bey weiten„nicht so grausam, als der Atreus des Sencca. Zch habe mich„begnügt, für den Thuest alle den Greuel des von seinem„Bruder ihm bestimmten Bechers, fürchten zu lassen, und er„bringt nicht einmal seine Lippen daran. Zch gestehe es zwar,„daß mir diese Scene selbst schrecklich schien. Es überfiel mich„ein Schauder; aber nichts dcstowcnigcr glaubte ich, daß sie„sich in ein Trauerspiel sehr wohl schicke. Zch sehe nicht,„warum man sie mehr davon ausschliessen solle, als die Scene„in der Rodogune, wo Cleopatra, nachdem sie einen von ih-„ren Söhnen schon ermordet, den andern vor den Augen der„Zuschauer vergiften will. So unwillig man auch gegen die„Grausamkeit des Atreus gewesen, so glaube ich doch nicht,„daß man ein vollkommener Bild auf die tragische Scene brin-gen könne, als das Bild von der Stellung des unglücklichen„Thuest, welcher sich ohne Hülfe der Wuth des barbarischsten„unter allen Menschen ausgesetzt sieht. Ob man sich nun aber