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Vorrede zu Mylius Schriftein
sich auf irgend etwas schmeichelhaftes, das noch nicht gänzlichin unserer Gewalt ist, mehr Rechnung zu machen? Wäre esnicht besser, wenn man auf gut stoisch in den Tag hinein lebte,und das Künftige das für uns seyn ließe, was es in der Thatist; nichts? - - Zwar die Herren, welche ihm den Tod prophe-zeyten, haben doch nicht recht prophezeit, obgleich dasjenige, wassie prophczcytcn, eingetroffen ist. Die See und Amerika wardas, wofür er sich fürchten sollte; England war es nicht. EineReise nur von etliche tausend Meilen sollte ihm tödlich seyn;und ich kann noch immer behaupten, daß sie es ihm nicht würdegewesen seyn, wenn er nicht vorher gestorben wäre - - So vielist gewiß, er hat sie nicht thun sollen. Wenn ich von den all-weisen Einrichtungen der Vorsehung weniger chrcrbiethig zu redengewohnt wäre, so würde ich keck sagen, daß ein gewisses neidi-sches Geschick über die deutschen Genies, welche ihrem VatcrlandeEhre machen könnten, zu herrschen scheine. Wie viele derselbenfallen in ihrer Blüthe dahin! Sie sterben reich an Entwürfen,und schwanger mit Gedanken, denen zu ihrer Größe nichts alsdie Ausführung fehlt. Sollte es aber wohl schwer seyn, einenatürliche Ursache hiervon anzugeben? Wahrhaftig sie ist so klar,daß sie nur derjenige nicht sieht, der sie nicht sehen will. Neh-men sie an, mein Herr, daß ein solches Genie in einem ge-wissen Stande gebohrcn wird, der, ich will nicht sagen, derelendeste, sondern nur zu mittelmäßig ist, als daß er noch zuder so genannten güldncn Mittelmäßigkeit zu rechnen wäre. UndSie wissen wohl, die Natur hat einen Wohlgefallen daran, auseben diesem immer mehr große Geister hervor zu bringen, als ausirgend einem andern. Nun überlegen Sie, was sür Schwierig-keiten dieses Genie, in einem Lande als Deutschland , wo fast alleArten von Ermunterungen unbekannt sind, zu übersteigen habe.Bald wird es von dem Mangel der nöthigsten Hülfsmittel zu-rück gehalten; bald von dem Neide, welcher die Verdienste auchschon in ihrer Wiege verfolgt, unterdrückt; bald in mühsamenund seiner unwürdigen Geschäften entkräftet. Ist es ein Wun-der, daß es nach aufgeopferten Zugcndkräftcn dem ersten starkenSturme unterliegt? Ist es ein Wunder, daß Armuth, Aerger-niß, Kränkung, Verachtung endlich über einen Körper siegen,