LcssingS Briefe. 1749. 1750.
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selbst nehmen, mir ein oder zwey Quartals vorzuschießen. Ich will michnicht gern als noch 8 Tage hier in Berlin verweilen. Ich verbleibenebst ergebensten Empfehl an die Fr. Mutter, der ich über 8 Tage ant-worten will,
Dcro
d. ?.o Mav Leßing.1719.
Hochzuehrcndcr Herr Vater,
Die Antwort auf Dero zwev letzten Briefe würde ich bis jezonicht schuldig geblieben seyn, wenn ich so offt hatte schreiben können,als ich gerne gewollt habe. Schon wieder entschuldige ich mich mit demMangel an Zeit. Und wer mich diese Entschuldigung so vielmal brau-chen hört, als Sie, der sollte beynahe auf die Gedanken kommen, daßich wenigstens mehr als ein Amt, hier in Berlin , müße zu versorgenhaben. So falsch dieses, Gott sey Dank, ist, so wahr ist es doch, daßmeine Entschuldigung so gar ungegründet nicht ist, als Sie wohl glau-ben mögen. Der B- v. d. G. ist zwar vor 14 Tagen wieder auf seineGüter gegangen, daß ich also einigermaßen freyer gewesen bin; ichhabe aber nach seiner Abreise das ganze vierte Stück der theatr. Bey-träge besorgen müßen, was eigentlich schon diese Messe hätte sollenfertig werden, und diese Arbeit hat mich bis an vergangnen Sonnabendnicht über eine Stunde Herr scvn laßen.
Sie thuen mir Unrecht, wann Sie glauben, daß ich meine Mei-nung wegen Göttingen schon wieder geändert hätte. Ich versichereIhnen nochmals, daß ich morgen dahin abreisen wollte, wann es mög-lich wäre. Nicht weil es mir jezo eben schlecht in Berlin gängc, son-dern weil ich cS Ihnen versprochen habe. Denn in der That, ich habegroße Hoffnung, daß sich mein Glück bald hier ändern wird. BisHieher habe ich zwar vergebens darauf gehofft, allein ich muß gestehen,daß vielleicht auch einige Fehler auf meiner Seite dabey mit untcrge-laufen sind. Mit Schaden wird man klug. Die Bekanntschaft desHrn. B- v. d. G- hat mir nicht wenig genüzt, mich hier auf einen sichrer»Weg zu bringen. Denn, außer daß ich etliche M THlr. dabey gewon-nen habe, so hat er mir bey untcrschiedncn von seinen Freunden Zu-tritt verschafft, welche mir wenigstens ein Haussen Versprechungenmachen. Auch diese sind nicht zu verwerfen, wenn sie nur nicht immerVersprechungen bleiben. Ich mache keine Rechnung drauf, und habe