Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
41
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LessingS Briefe. 17o6.

N- S. Mein Compliment an die Hm. Naumann, Müchlcr und diewürdigen Freunde aus Ihrer Nation. Versichern Sie dem er-stem, daß ich ehestens an ihn schreiben würde.

Embden, d. 28. Julius 1756.

Liebster Nicolai,

Dieser kleine Brief sey/ waS man im Sprichworte zu sagen pflegt,eine Wurst nach der Speckseite. Ich schreibe Ihnen nur in ein PaarWorten, daß meine Reise bisher sehr glücklich gewesen ist, und daßich in Amsterdam , wo wir in acht Tagen seyn werden, gern einenlangen, langen Brief von Ihnen bekommen möchte. Herr Voß weißmeine Adresse. Ich ziehe nun eben den hintersten Fuß nach, um ausDeutschland zu treten. Schreiben Sie mir alles, wovon wir geplau-dert haben würden, wenn wir noch jetzt sechs Häuser von einanderwohnten. Von Holland auS will ich Ihnen auch dafür recht Vielesschreiben. Ich habe eine Menge unordentlicher Gedanken über daSbürgerliche Trauerspiel aufgesetzt, die Sie vielleicht zu der bewußtenAbhandlung °) brauchen können, wenn Sie sie vorher noch ein wenig

°) Ich hatte damal die Bibliothek der schönen Wissenschaftenangekündigt, und wollte gleich Ins erste Stuck eine Abhandlung überdas Trauerspiel einrücken, weil ich im Sinne Halle , eine» Preis auf da«beste einzurückende Trauerspiel zu setzen. Lcssing billigle das Letztere, undmuiitcrlc mich sehr auf, die Abhandlung zu schreibe». Seine Beyträge, diecr i» diesem Briefe verspricht, habe ich nicht erhalten. (Man f. LessingSBrief vom 13. Novcinb. t7SL.) Daß sie mir sehr nützlich gewesen seynwürde», wenn ich über das bürgerliche Trauerspiel hatte schreiben wol-len, wie ich am Ende der Abl'a«dln»g versprach, versteht sich. Ick habeschon läiigst ciiigcschcn, daß meine Einsichten damal »och »iclit hiiiläiiglichwäre», um diese» wichtige» Gegenstand würdig zu behandeln. Guten Willenhalte ich, das war alles. Man muß aber auch bedeute», wie überhaupt da-mals der Zustand unserer Litteratur und besonders unsers Theaters war.Die Leipziger Kochische, und die Nieste der Schöncmannischcn Büh»e, weiterhatten wir damal »och »ichls Leidliches. Die Bühne zu Wien war ganz elend,und in Berlin gar kein deutsche« Schauspiel, als dieser Brief geschriebenward. Erst wahrend des siebenjährigen Kriegs kam Schuch's Gesellschaft oftnach Berlin , und Ackcrmann's treffliche Gesellschaft auf eine sehr kurze Zeit.Ich hatte meine Idee» nach den französischen Schauspielen gebildet, welchedamal die Königl. Schauspieler in Berlin aufführten, unter denen für dasTrauerspiel einige nicht zu verachtende Personen waren. Ucberdics hatte ich