die Bewunderung zum Hauptwerke/ das ist, das Unglück, das den Hel-den trifft, soll uns nicht sowohl rühren/ als dem Helden Gelegenheitgeben, seine außerordentlichen Vollkommenheiten zu zeige»/ deren in-tuitive Erkenntniß in unS den angenehmen Affekt erwecke, welchen SieBewunderung nennen.
Ein solches Trauerspiel nuii/ sage ich/ würde ein dialogisches Hel-dengedicht seyn/ und kein Trauerspiel- Der bewunderte Held/ habeich mich gegen Hrn. Nicolai ausgedrückt/ ist der Stof des Heldenge-dichts. Da Sie mir doch also wohl zutrauen werden, daß ich ein Hel-dengedicht (ein Gedicht voller Bewunderung) sür ein schönes Gedichthalte, so kann ich nicht einsehen, wie Sie mir Schuld geben können,daß ich der Bewunderung alles Schöne, alles Angenehme rauben wolle.Sie ist ein angenehmer Affekt, gut; aber kann ihr dieses die vornehmsteStelle in einem Trauerspiele verdienen? Das Trauerspiel (sagt Ari>stotelcS, Hauptstück 14) soll uns nicht jede Art des Vergnügens ohneUnterschied gewähre»/ sondern nur allein das Vergnügen, welches ihmeigenthümlich zukömmt.
Warum wollen wir die Arten der Gedichte ohne Noth verwirren,und die Gränzen der einen in die andern laufen lassen? So wie indem Heldengedichte die Bewunderung das Hauptwerk ist, alle andereAffekten/ das Mitleiden besonders/ ihr untergeordnet sind: so s>^ auchin dem Trauerspiele das Mitleiden daS Hauptwerk/ und jeder andereAffekt, die Bewunderung besonders/ sey ihm nur untergeordnet, daS ist,diene zu nichts, als daS Mitleiden erregen zu helfen. Der Hcldcndich-tcr läßt seinen Helden unglücklich scvN/ um seine VollkommenheiteninS Licht zu setzen. Der Tragödienschrcibcr setzt seines Helden Voll-kommenheiten ins Licht, um uns sein Unglück desto schmerzlicher zumachen.
Ein großes Mitleiden kann nicht ohne große Vollkommenheitenin dem Gegenstande des Mitleids seyn, und große Vollkommenheiten/sinnlich ausgedrückt/ nicht ohne Bewunderung. Aber diese großen Voll-kommenheiten sollen in dem Trauerspiele nie ohne große Unglücköfälleseyn/ sollen mit diesen allezeit genau verbunden seyn, und sollen alsonicht Bewunderung allein, sondern Bewunderung und Schmerz, dasist. Mitleiden erwecken. Und daS ist meine Meinung. Die Bewunde-rung findet also in dem Trauerspiele nicht als ein besonderer AffektStatt, sondern blos als die eine Hälfte deS Mitleids. Und in dieserBetrachtung habe ich auch Recht gehabt, sie nicht als einen besondernAffekt/ sondern nur nach ihrem Verhältnisse gegen das Mitleiden zuerklären.