LcssingS Briefe. 4766.
Und I» diesem Verhältnisse, sage ich noch/ soll sie der Ruhepunktdes Mitleidcns seyn, nehmlich da, wo sie sür sich allein wirken soll.Da Sie aber znm zwevtcnmahl auf dem Erempel des Mithridats be-stehen, so muß ich glauben, Sie haben meine Worte so verstanden, alswollte ich mit diesem Ruhepunkte sagen, sie soll das Mitleiden stillenhelfen. Aber daS will ich damit gar nicht sagen, sondern gleich dasGegentheil. Hören Sie nur!
Wir können nicht lange in einem starken Affekte bleiben; also kön-nen wir auch ein starkes Mitleiden nicht lange aushalten, es schwächtsich selbst ab. Auch mittelmäßige Dichter haben dieses gemerkt, unddaS starke Mitleiden bis zuletzt »erspart. Aber ich hasse die fran-zösischen Trauerspiele, welche mir nicht eher, als am Ende des fünftenAuszugs, einige Thränen auspressen. Der wahre Dichter vertheilt dasMitleiden durch sein ganzes Trauerspiel, er bringt überall Stellen an,wo er die Vollkommenheiten und Unglücksfalle seines Helden in einerrührenden Verbindung zeigt, das ist, Thränen erweckt. Weil aber dasganze Stück kein beständiger Zusammenhang solcher Stellen seyn kan»,so untermischt er sie mit Stellen, die von den Vollkommenheiten seinesHelden allein handeln, und in diesen Stellen hat die Bewunderung,als Bewunderung, Statt. Was sind aber diese Stellen anders, alsgleichsam Ruhepunktc, wo sich der Zuschauer zu »enem Mitleiden er-holen soll? Gestillt soll daS vorige Mitleiden nicht dadurch werden,das ist mir niemahls in die Gedanken gekommen, und würde meinemSvstem schnurstracks zuwider seyn.
Da nun aber diese Stellen (ich will sie die leeren Scenen nen-nen, ob sie gleich nicht immer ganze Scenen sevn dürfen, weil die Be-wunderung, oder die Ausmahlung der außerordentlichen Vollkommen-heitcn des Helden, der einzige Knnstgrif ist, die leeren Scenen, wodie Aktion stille steht, erträglich zu machen) da, sage ich, diese leerenScenen nichts als Vorbereitungen zum künftigen Mitleiden seyn sol-len, so müssen sie keine solchen Vollkommenheiten betreffen, die daSMitleiden zernichten. Ich will ein Exempel geben, dessen LächerlichesSie mir aber verzeihen müssen. Gesetzt, ich sagte zu jemand: heuteist der Tag, da Titus seinen alten Vater, auf einem Seile, welchesvon der höchsten Spitze des Thurms bis über den Fluß ausgespanntist, in einem Schubkarren von oben herab sührcn soll. Wenn ich nun,dieser gefährlichen Handlung wegen, Mitleiden für denTinis erweckenwollte, was muß ich thun? Ich müßte die guten Eigenschaften desTitus und seines Vaters aus einander setzen, und sie vcvde zu Per-sonen machen, die es um so viel weniger verdienen, daß sie sich einer