Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
64
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LessingS Briefe. 4766.

solchen Gefahr unterziehen müssen, je würdiger sie sind. Aber nichtwahr, dem Mitleiden ist der Weg zu dem Herzen meines Zuhörers aufeinmahl abgeschnitten, so bald ich ihm sage, TituS ist ein Seiltänzer,der diesen Versuch schon mehr als einmahl gemacht hat? Und gleich-wohl habe ich doch weiter nichts als eine Vollkommenheit des Titusden Zuhörern bekannt gemacht. Ja, aber cS war eine Vollkommen-heit, welche die Gefahr unendlich verringerte, und dem Mitleiden alsodie Nahrung nahm. Der Seiltänzer wird nunmehr bewundert, aberNicht bedauert.

Was macht aber derjenige Dichter aus seinem Helden anders,als einen Seiltänzer, der, wenn er ihn will sterben lassen, das ist, wenner uns am meisten durch seine Unfälle rühren will, ihn eine Mengeder schönsten Gasconaden, von seiner Verachtung des Todes, von seinerGleichgültigkeit gegen das Leben verschwatzen läßt? In eben dem Ver-hältnisse, in welchem die Bewunderung auf der einen Seite zunimmt,nimmt das Mitleiden auf der andern ab. Aus diesem Grunde halteich den Polveukt des Corneille für tadelhaft; ob er gleich wegen ganzanderer Schönheiten niemahls aufhören wird zu gefallen. Polyeukcsirebt ein Märtyrer zu werden; er sehnet sich nach Tod und Martern;er betrachtet sie als den ersten Schritt in ein überschwenglich seligesLeben; ich bewundere den frommen Enthusiasten, aber ich müßte be-fürchten, seinen Geist in dem Schovße der ewigen Glückseligkeit zu er-zürnen, wenn ich Mitleid mit ihm haben wollte.

Genug hiervon; Sie können mich hinlänglich verstehen, um michzu widerlegen, wenn ich eS verdiene. Aber die Feder läuft einmahl,und ich will mich nunmehr über die Verschiedenheit zwischen den Wir-kungen der Bewunderung und den Wirkungen des Mitleids erklären.AuS der Bewunderung entspringt der Vorsatz der Nachciferung; aber,wie Sie selbst sagen, dieser Vorsatz ist nur augenblicklich. Wenn erzur Wirklichkeit kommen soll, muß ihn entweder die darauf folgendedeutliche Erkenntniß dazu bringen, oder der Affekt der Bewunderungmuß so stark fortdauern, daß der Vorsatz zur Thätigkeit kommt, ehrdie Vernunft das Steuer wieder ergreifen kann. DaS ist doch IhreMeinung? Nun sage ich: in dem ersten Falle ist die Wirkungnicht der Bewunderung, sondern der deutlichen Erkenntniß zuzuschrei-ben; und zu dem andern Falle werden nichts geringeres als Fantasienerfordert. Denn Fantasien sind doch wohl nichts anders, als Leute,bey welchen die untern Seelenkrästc über die obern triumpyiren? Daranliegt nichts, werden Sie vielleicht sagen, dieser Fantasten sind sehrviele in der Welt, und es ist gut, wenn auch Fantasien tugendhafte