Thäte» thun. Wohl, so muß cs denn eine von den ersten Pflichtendes Dichters seyn, daß er nur für wirklich tugendhafte HandlungenBewunderung erweckt. Denn wäre eS ihm erlaubt, auch untugend-haften Handlungen den Firnis der Bewunderung zu geben, so hätteplato Recht, daß er sie aus seiner Republik verbannt wissen wollen.Hcrr Nicolai hätte also nicht schließen sollen: weil de>'Wein nicht seltenblutige Gezänke erzeugt, so ist eS falsch, daß er des Menschen Herz erfreuensoll; oder weil die Poesie oft schlechte Handlungen als nachahmungs-würdig anpreiset, so kann ihr Endzweck nicht seyn, die Sitten zu bessern.
Ich gehe noch weiter, nnd gebe Ihnen zu überlegen, ob die tugend-hafte That, die ein Mensch aus bloßer Nachciferung, ohne deutlicheErkenntniß, thut, wirklich eine tugendhafte That ist, und ihm als einesolche zugerechnet werden kann? Ferner dringe ich darauf: die Bewun-derung einer schönen Handlung kann nur zur Nachciferung eben dersel-ben Handlung, unter eben denselben Umständen, und nicht zu allenschönen Handlungen antreiben; sie bessert, wenn sie ja bessert, nurdurch besondere Fälle, und also auch nur in besondern Fällen. Manbewundert z. E- den GuSmann, der seinem Mörder vcrgiebt. Kannmich diese Bewunderung, ohne Zuziehung der deutlichen Erkenntniß,antreiben, allen meinen Widersachern zu vergeben? Oder treibt siemich nur, demjenigen Todfeinde zu vergeben, den ich mir selbst durchmeine Mißhandlungen dazu gemacht habe? Ich glaube, nur das Letztere.
Wie unendlich besser und sicherer sind die Wirkungen meines Mit-leidcnS! Das Trauerspiel soll das Mitleiden nur überhaupt üben, undnicht uns in diesem oder jenem Falle zum Mitleiden bestimmen. Ge-setzt auch, daß mich der Dichter gegen einen unwürdigen Gegenstandmitleidig macht, nehmlich vermittelst falscher Vollkommenheiten, durchdie er meine Einsicht verführt, um mein Herz zu gewinnen. Daran istnichts gelegen, wenn nur mein Mitleiden rege wird, nnd sich gleichsamgewöhnt, immer leichter nnd leichter rege zn werden. Ich lasse mich zumMitleiden im Trauerspiele bewegen, um eine Fertigkeit im Mitleidenzu bekommen; findet aber das bey der Bewunderung Statt? Kann mansagen: ich will gern in der Tragödie bewundern, um ein Fertigkeit imBewundern zu bekommen? Ich glaube, der ist der größte Geck, derdie größte Fertigkeit im Bewundern hat; so wie ohne Zweifel der-jenige der beste Mensch ist, der die größte Fertigkeit im Mitleiden hat.
Doch bin ich nicht etwa wieder auf meine alten Sprünge gekom-men? Schreye ich die Bewunderung durch das, was ich bisher gesagthabe, nicht für ganz und gar unnütz aus, ob ich ihr gleich das ganzeHeldengedicht zu ihrem Tummelplätze einräume? Fast sollte es so schci-Lessings Werke xn, 5