LessiiigS Briefe. 1766.
nen; ich will cS also immer wagen, Ihnen einen Einfall zu vertrauen,der zwar ziemlich seltsam klingt, weil er aber niemand GcringerS als michund den Homer rettet, Ihrer Untersuchung vielleicht nicht unwürdig ist.
ES giebt gewisse körperliche Fähigkeiten, gewisse Grade der körper-lichen Kräfte, die wir nicht in unsrer willkührlichcn Gewalt haben, obsie gleich wirklich in dem Körper vorhanden sind. Ein Rasender, zumExempel, ist ungleich stärker, als er bey gesundem Verstände war; auchdie Furcht, der Zorn, die Verzweiflung und andre Affekten mehr, er-wecken in uns einen größcrn Grad der Stärke, der uns nicht eher zuGebote steht, als bis wir uns in diesen oder jenen Affekt gesetzt haben.
Meine zweyte vorläufige Anmerkung ist diese. Alle körperliche Oe-schicklichkciten werden durch Hülfe der Bewunderung gelernt! wenig-stens das Feine von allen körperlichen Gcschicklichkciten. Nehmen Sieeinen Luftspringer. Von den wenigsten Sprüngen kann er seinenSchülern den eigentlichen Mechanismus zeigen» er kann oft weiternichts sagen, als- sieh nur, sieh nur, wie ich eS mache! das ist, be-wundere mich nur recht, und versuch cS alsdann, so wird es von selbstgehen; und je vollkommener der Meister den Sprung vormacht, je mehrer die Bewunderung seines Schülers durch diese Vollkommenheit reizt,desto leichter wird diesem die Nachahmung werden.
Heraus also mit meinem Einfalle! Wie, wenn Homer mit Be-dacht nur körperliche Vollkommenheiten bewundernswürdig geschilderthätte? Er kann leicht ein eben so guter Philosoph gewesen seyn, alsich. Er kann leicht, wie ich, geglaubt haben, daß die Bewunderungunsre Körper wohl tapfer und gewandt, aber nicht unsre Seelen tugend-haft machen könne. Achilles , sagen Sie, ist bey dem Homer nichtsals ein tapfrer Schläger; cS mag seyn. Er ist aber doch ein bewun-dernswürdiger Schlager, der bey einem andern den Vorsatz der Nach-eifcrung erzeugen kann. Und so oft sich dieser andere in ähnlichenUmständen mit dem Achilles befindet, wird ihm auch das Ercmpcldieses Helden wieder bevfallcn, wird sich auch seine gehabte Bewunde-rung erneuern, und diese Bewunderung wird ihn stärker und geschick-ter machen, als er ohne sie gewesen wäre. Gesetzt aber, Homer hätteden Achilles zu einem bewundernswürdigen Muster der Großmuth ge-macht. So oft sich nun ein Mensch von feuriger Einbildungskraft inähnlichen Umständen mit ihm sähe, könnte er sich zwar gleichfalls sei-ner gehabten Bewunderung erinnern, lind zu Folge dieser Bewunderunggleich großmüthig handeln; aber würde er deswegen großmüthig seyn?Die Großmuth muß eine beständige Eigenschaft der Seele sey»; undihr nicht blos ruckweise entfahren.