Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
67
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Lessings Briefe. 17ZK.

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Ich bin es überzeugt, daß meine Worte oft meinem Sinne Scha-den thun, daß ich mich nicht selten zu unbestimmt oder zu nachlässigausdrücke. Versuchen Sie es also, liebster Freund/ sich durch Ihr ei-gen Nachdenken in den Geist meines Systems zu versetzen. Und viel-leicht finden Sie es weit besser, als ich es vorstellen kann.

In Vcrglelchung meiner, sollen Sie doch noch immer ein 5vorr-sparer bleiben; denn ich habe mir fest vorgenommen, auch diesen zwey-ten Bogen noch voll zu schmieren. Ich wollte Anfangs aus dem Fol^gendcn einen besondern Brief an Hrn. Nicolai machen; aber ich willseine Schulden mit Fleiß nicht häufen.

Lesen Sie doch das töte Hauptstück der Aristotelischen Dichtkunst.Der Philosoph sagt daselbst: der Held eines Trauerspiels müsse einMittclcharakter seyn; er müsse nicht allzu lasterhaft und auch nicht allzutugendhaft sevn; wäre er allzu lasterhaft, und verdiente sein Unglückdurch seine Verbrechen, so konnten wir kein Mitleiden mit ihm haben;wäre er aber allzu tugendhaft, und er würde dennoch unglücklich, soverwandle sich das Mitleiden in Entsetzen und Abscheu.

Ich möchte wissen, wie Herr Nicolai diese Regel mit den bewun-dernswürdigen Eigenschaften seines Helden zusammenreimen könne--

Doch das ist eS nicht, was ich jetzt schreiben will.

Ich bin hier selbst wider Aristoteles , welcher mir überall einefalsche Erklärung des Mitleids zum Grunde gelegt zu haben scheint.Und wenn ich die Wahrheit weniger verfehle, so habe ich es alleinIhrem bessern Begriffe vom Mitleiden zu danken. Ist es wahr, daßdas Unglück eines allzu tugendhaften Menschen Entsetzen und Abscheuerweckt? Wenn eS wahr ist, so müssen Entsetzen und Abscheu derhöchste Grad des Mitleids sevn, welches sie doch nicht sind. DaSMitleiden, das in eben dem Verhältnisse wächst, in welchem Vollkom-menheit und Unglück wachsen, hört auf, mir angenehm zu sevn, undwird desto unangenehmer, je größer auf der einen Seite die Vollkom-menheit, und auf der andern das Unglück ist.

Unterdessen ist eS doch auch wahr, daß an dem Helden eine ge-wisse «,->,atz7«r, ein gewisser Fehler sevn muß, durch welchen er seinUnglück über sich gebracht hat. Aber warum diese «.u,^», wie sieAristoteles nennt? Etwa, weil er ohne sie vollkommen scpn würde,und das Unglück eines vollkommenen Menschen Abscheu erweckt? Ge-wiß nicht. Ich glaube, die einzige richtige Ursache gefunden zu haben;sie ist diese: weil ohne den Fehler, der das Unglück über ihn zieht,sein Charakter und sein Unglück kein Ganzes ausmachen würden,weil das eine nicht in dem andern gegründet wäre, und wir jedes

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