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LcssingS Briefe. 1756.
von diesen zwey Stücken besonders denken würden. Ein Exempelwird mich verständlicher machen. Canut sey ein Muster der voll-kommensten Güte. Soll er nur Mitleid erregen, so muß ich durchden Fehler, daß er seine Güte nicht durch die Klugheit regieren läßt/und den Ulfo, dem er nur verzeihen sollte, mit gefährlichen Wohltha-ten überhaust, ein großes Unglück über ihn ziehn; Ulfo muß ihn ge-fangen nehmen und ermorden. Mitleiden im höchsten Grade! Abergesetzt, ich ließe den Canut nicht durch seine gcmißbrauchtc Güteumkommen; ich ließ ihn plötzlich durch den Donner erschlagen, oderdurch den einstürzenden Pallast zerschmettert werden? Entsetzen undAbscheu ohne Mitleid! Warum? Weil nicht der geringste Zusammen-hang zwischen seiner Güte und dem Donner, oder dem einstürzendenPallast, zwischen seiner Vollkommenheit und seinem Unglücke ist. ESsind bcydcS zwcv verschiedene Dinge, die nicht eine einzige gemein-schaftliche Wirkung, dergleichen das Mitleid ist, hervorbringen können,sondern, deren jedes für sich selbst wirkt. — Ein ander Exempel! Ge-denken Sie an den alten Vetter, im Kaufmann von London ; wennihn Barnwcll ersticht, entsetzen sich die Zuschauer, ohne mitleidig zuseyn, weil der gute Charakter des Alten gar nichts enthält, was denGrund zu diesem Unglück abgeben könnte. Sobald man ihn aber fürseinen Mörder und Vetter noch zu Gott beten hört, verwandelt sichdas Entsetzen in ein recht entzückendes Mitleiden, und zwar ganz na»türlich, rocil diese großmüthige That aus seinem Unglücke fließet undihren Grund in demselben hat.
Und nun bin ich eS endlich müde, mehr zu schreiben, nachdemSie cS ohne Zweifel schon langst müde gewesen sind, mehr zu lesen.Ihre Abhandlung von der Wahrscheinlichkeit habe ich mit recht großemVergnügen gelesen; wenn ich sie noch ein paarmahl werde gelesenhaben, hoffe ich, Sie so weit zu verstehen, daß ich Sie um einigeErläuterungen fragen kann. Wenn es sich von solchen Dingen so gutschwatzen ließe, wie von der Tragödie! Ihre Gedanken von demStreite der untern und obern Seelcnkräste lassen Sie ja mit das erstesevn, was Sie mir schreiben. Ich empfehle Ihnen dazu meine Weit-läuftigkeit, die sich wirklich eben so gut zum Vortrage wahrer, alszur Auskramung vielleicht falscher Sätze schickt.
Bitten Sie doch den Hrn. Nicolai in meinem Nahmen, mir mitehestem denjenigen Theil von CibbcrS Lebensbeschreibung der englischenDichter zu schicken, in welchem Drydcns Leben steht. Ich brauche ihn.
Leben Sie wohl, liebster Freund, und werden Sie nicht müde,mich zu bessern, so werden Sie auch nicht müde werde», mich zu lieben.
Lcsslng.