Lessmgs Brief«. 1767.
Liebster Freund!
Ich glaube es eben so wenig, als Sie, daß wir bis jetzt in un-serm Streite viel weiter, als über die ersten Gränzen gekommen sind.Haben Sie aber auch wirklich so viel Lust, als ich, sich tiefer hineinzu wagen, und dieses unbekannte Land zu entdecken, wenn wir unsauch hundertmahl vorher verirren sollten? Doch warum zweifle ichdaran? Wenn Sie cS auch nicht aus Neigung thäten, so würden SieeS aus Gefälligkeit für mich thun.--
Ihre Gedanken von der Herrschaft über die Neigungen, von derGewohnheit, von der anschauenden Erkenntniß sind vortreflich, Siehaben mich so überzeugt, daß ich mir auch nicht einmahl einen logi-sehen Fechterstreich dawider übrig gelassen finde. Warum kann ichvon Ihren Gedanken über die Illusion nicht eben das sagen! HörenSie meine Zweifel dagegen, aber machen Sie sich gefaßt, eine Mengegemeiner Dinge vorher zu lesen, ehe ich darauf kommen kann. Ueberdas Wort werde ich Ihnen keine Schwierigkeiten machen.
Darinn sind wir doch wohl einig, liebster Freund, daß alle Lei-denschaften entweder heftige Begierden oder heftige Verabscheuungcnsind? Auch darinn: daß wir uns bey jeder heftigen Begierde oderVerabscheuung, eines größcrn Grads unsrer Realität bewußt sind, unddaß dieses Bewußtseyn nicht anders als angenehm seyn kann? Folg-lich sind alle Leidenschaften, auch die allerunangcnehmsten, als Leiden-schaften angenehm. Ihnen darf ich eS aber nicht erst sagen: daß dieLust, die mit der stärkern Bestimmung unsrer Kraft verbunden ist, vonder Unlust, die wir über die Gegenstände haben, worauf die Bestim-mung unsrer Kraft geht, so unendlich kann überwogen werden, daßwir uns ihrer gar nicht mehr bewußt sind.
Alles, was ich hieraus folgere, wird aus der Anwendung auf dasaristotelische Exempel von der gemahlten Schlange am deutlichsten er-hellen- Vvenn wir eine gemahlte Schlange plötzlich erblicken,so gefällt sie uns desto besser, je heftiger wir darüber er-schrocken sind.
Dieses erkläre ich so: Ich erschrecke über die so wohlgetroffncSchlange, weil ich sie für eine wirkliche halte. Der Grad diesesSchreckens, als eine unangenehme Leidenschaft, oder vielmehr derGrad der Unlust, die ich über diesen schrecklichen Gegenstand em-pfinde, sey lo> so kann ich den Grad der Lust, die mit der Empfin-