Lcssings Briefe. 1767.
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Sie ihm geschrieben haben. Ein Mann, der aus guten Absichten sei-nen Verstand nach solchen Grundsätzen zerrüttet/ ist mir ein weittraurigerer Anblick, als ein Selbstmörder. Unser Naumanu schlagtdiesen Weg nicht schlecht ein, und ich hätte uns beyden wohl die me-lancholische Lust gönnen mögen / ihn und den D- P- mit einanderstreiten zu hören. Sie werden sich erinnern, daß jener sich die mensch-liche Seele als eine Baßgeige vorstellt; wer also, als er, hat es leich-ter begreifen können, daß der Tugcndtricb dem Tone lol, und dasNcrvengcbäude dem Tone ut gleich sey?
Ihre Recension von GleimS Fabeln ist noch nicht bey mir einge-laufen Ihr Name aber ist auf das Exemplar von dem zweyten Bucheseiner Fabeln daher gekommen, weil Herr Glciin geglaubt hat, daßniemand anders, als Sie, die Recension vom Lowth könne gemachthaben; er hält Sie also für einen Mitarbeiter, ohne sich darum zubekümmern, ob Sie ein ordentlicher oder ein außerordentlicher sind.Er ist übrigens einer Ihrer größten Verehrer.
Von meinen Fabeln, deren Herr Voß gegen Sie gedacht hat,habe ich Ihnen blos deswegen nicht geschrieben, weil ich es nickt derMühe werth geachtet habe. Damit Sie mich aber doch nicht langereiner gehcimnißvollcn Zurückhaltung beschuldigen mögen, so schicke ichIhnen hier einige, die ich so auS der Menge heraus genommen habe,ohne daß ich sagen kann, die besten oder die schlechtsten getroffenzu haben.
Wenn ich in Berlin bin, sollen Sie sehen, das; ich eine großeMenge schlechter und besserer gemacht habe.Wenn ich in Berlin bin? —')L-ivzig,
den 6. Jul. 1757. _
An Nicolai.'
Leipzig , den —Am Sonntage, da ich nichtin die Kirche ging.
Liebster Freund,
Sie schreiben mir nicht; Herr MoseS schreibt mir nicht-, soll ichdenn immer allein schreiben? Ich habe Herrn MoseS vor einer Woche
°) Hier ist ein ganzer halber Bogen abgerissen, und verloren gegangen.Rarl üessliig.