Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
109
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Lessings Briefe. 175».

An Moses Mendelssohn .Liebster Freund!

Ich bin krank gewesen, und befinde mich noch nicht recht wohl;sonst würde ich Ihnen schon längst wieder geschrieben haben. Ich willnicht wünschen, daß Sie eine gleiche Entschuldigung haben mögen.

Meine Übersetzung des bewußten englischen Buchs ist größten-theils fertig, noch ist aber nichts davon gedruckt. So wie ein Bogenabgedruckt ist, werde ich ihn Ihnen zuschicken. Und alsdenn schreibenSie mir fein alles, was Sie davon oder dabey gedacht haben. ESkommen, wie Sie finden werden, sehr schöne Anmerkungen darinnvor; allein das ganze Gebäude taugt nichts. Der Verfasser sagt- alleunsre Leidenschaften theilten sich in zwey Hauvtäste; in Leidenschaften,welche die Selbstcrhaltung beträfcn, und in Leidenschaften, die auf dasgesellschaftliche Leben zielten. Die erstem, weil ihre Gegenstände nurSchmerz und Gefahr wären, würden zur Quelle des Erhabnen; unddie andere, die sich auf Liebe gründeten, zur Quelle des Schönen.WaS sagen Sie zu diesem System? Daß der Verfasser einen sehr selt-samen Begriff von der Seele haben müsse. Den hat er auch. DieLeidenschaften sind ihm etwas, das Gott so in unsre Seele gelegt hat;etwas, daS nicht aus dem Wesen der Seele, auS einer gewissen Gat-tung von Vorstellungen entspringt; sondern etwas, das Gott demWesen der Seele obendrein gegeben habe. Eine Menge Empfindungen,sagt er, entstehen blos aus der mechanischen Struktur des Körpers,aus der natürlichen Bildung und Beschaffenheit der Seele, und garnicht aus Folgen von Vorstellungen und Schlüssen derselbe«. So be-sitzt z. E. unsre Seele etwas, das er Sympathie nennt, und auS die-ser Sympathie sind die Wirkungen herzuleiten, die das Unglück ande-rer, es mag wirklich oder nachgeahmt seyn, auf uns hat. Dasheißt ohne Zweifel sehr commodc Philosophiren! Doch, wenn schondes Verfassers Grundsätze nicht viel taugen, so ist sein Buch doch alseine Sammlung aller Eräugnungcn und Wahrnehmungen, die derPhilosoph bey dergleichen Untersuchungen als unstreitig annehmenmuß, ungcmein brauchbar. Er hat alle Materialien zu einem gu-ten System gesammlet, die niemand besser zu brauchen wissen wird,als Sie.

Ich bin sehr begierig, Ihre mit dem Hrn. Nicolai gemeinschaft-liche Kritik des Codrus und des Frevgeists zu sehen. Der Verfasserdes letzter» hat jetzt einen Dvurus gemacht, in Versen ohne Reime,

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