Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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110
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110 Lcssings Briefe. 1768.

der seinem ersten Versuche nicht ähnlich sieht. Bey der Corrcktur desCodruS , habe ich mich meines ersten Entwurf» zu einem Trauerspieleüber diesen Helden größtenthcils wieder erinnert. Ich würde die ganzeBegebenheit in dem Dorischen Lager vorgehen lassen. Das Orakelmüßte auf beiden Theilen bekannt seyn; und die Dorier müßten, die-ses Orakels wegen/ bereits seit einiger Zeit alle Schlachten sorgfältigvermieden haben. AuS Furcht/ den CodruS unbekannter Weise zu er-morden, müßten sie in den kleinern Gefechten die Athcnicnscr nur zugreifen, und keinen zu todten suchen. Diese würden hierdurch na-türlicher Weise eine große Überlegenheit gewinnen, und diese Ucber-lcgcnheit könnte so weit gehen, daß die Dorier den ganzen Krieg auf-zuheben und Attika zu Verlassen gezwungen würden. Und von diesemZeitpunkte würde sich mein Trauerspiel anfangen. Codrus, würdeich nun weiter dichten, habe es erfahren, daß die Dorier sich zurückziehen wollten, und fest entschlossen, sich die Gelegenheit, für seinVaterland zu sterben, nicht so aus den Händen reißen zu lassen, habeer sich verkleidet in das Lager der Dorier begeben. Hier giebt er sichfür einen Mcgarenscr und heimlichen Feind von Athen aus, und findetGelegenheit, den Feldherrn der Dorier zu überreden, daß die Athc-nienser'daS Orakel bestochen hatten, um ihnen eine so sonderbare Ant-wort zu ertheilen, durch die sie ihre Feinde zu schonen sich gcmüßigetfanden. Der Dorische Feldherr, der schon seinem Charakter nach ebenso ungläubig ist, als sein Heer abcrgläubig, beschließt hierauf, allegefangne Athcnicnscr auf cincn Tag umbringen zu lassen, und denKrieg fortzusetzen. Umsonst widersetzt sich ihm der Priester, der dasOrakel geholt, und zeigt ihm die Mittclstraßc, die er zwischen derübermäßigen Furcht des Pöbels und der gänzlichen Verachtung dcSGöltcrspruchs halten solle. Er bcharrt auf seinem Entschlüsse, in wel-chem ihn der verkleidete CodruS zu bestärken weiß. Der beleidigtePriester schlägt sich also auf die Seite derer, die lieber zu viel als zuwenig glauben, und bringt den gemeinen Soldaten auf, der den Rath-gcbcr, den verkleideten CodruS , in der ersten Hitze des Aufruhrs er-mordet. Und indem es nun bekannt wird, daß ihre Wuth das Orakelerfüllet, haben die Athenicnsischcn Gefangnen, deren nach meiner An-lage eine große Anzahl seyn können, sich in Freyheit gesetzt, und rich-ten unter den Doriern eine so schreckliche Niederlage an, daß sie dieFlucht ergreifen müssen. WaS sagen Sie von diesen ersten Zügen?Man müßte sehr unfruchtbar seyn, wcnn man nicht ohne alle Episo-den, fünf Auszüge darnach vollmachen könnte. Die meiste Kunstwürde darinn bestehen, daß die Person des CodruS immer die vor-

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