LcssingS Briefe. 1759.
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gewiß verweigert hätte. Der Grenadier thut sich selbst Unrecht, wenner sich alles für erlaubt halten will, was einem Lange erlaubt ist,der sich damit begnügt, wenn er nur tht ein paar Monate hindurchgelesen wird, und nichts darnach fragt, wenn man seine Gedichteüber Jahr und Tag gar nicht mehr kennt. Der Grenadier soll undmuß auf die Nachwelt denken; oder wenn Er es nicht thun will, sowerden es seine Freunde für ihn thun.
Ocffncn Sie unterdessen, liebster Freund, unserm Grenadier nurüber zwey Stellen meines so anstößig befundenen Briefs das Verständ-niß! Wenn ich geschrieben habe, daß ich mich vor ihm zu fürchtenansinge, so bcdaurc ich nur, daß ich den Ton und die Miene nicht habemit schreiben können, mit welcher ich eS ihm mündlich würde gesagthaben. Ich glaubte, als ich cS schrieb, mit keinem lächerlichern Einfallemeinen Brief beschließen zu können, mit dessen ernsthaftem Anfange ichnicht zufrieden war. WaS ich aber von dem übertriebenen Patriotis-mus einstießen lassen, war weiter nichts als eine allgemeine Betrach-tung, die nicht sowohl der Grenadier, als tausend ausschweifende Re-den, die ich hier alle Tage hören muß, bcv mir rege gemacht hatten.Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (cS thut mir leid,daß ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff,und sie scheint mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ichrecht gern entbehre. — Doch lassen Sie mich davon nichts weiterschreiben. Ick, rühme mich, daß ich von der Freundschaft desto höhereBegriffe habe, und daß noch tausend solche kleine Uneinigkeiten meinerLiebe und Hochachtung gegen meinen lieben Gleim und wackern Gre-nadier nicht im geringsten nachthcilig seyn können. Und wie könntensie auch, da ich sehe, daß er weit mehr nachgiebt, als ich selbst würdenachgegeben haben? Ich danke cS ihm zum Bcvspicl nicht (als nurin so fern es ein Zeichen seiner Freundschaft gegen mich seyn soll),daß er die Verwünschung der Sclbsthcrrscherin in Ruhm und Segenverwandelt hat. So viel habe ich niemals gefordert; und ich wünschte,daß er cS bloß so verändert hätte: „Aber welch ein LooS soll ich dirwünschen, Sclbstherrscherinn! wenn du" zc.
Unterdessen kann cS um so viel eher gedruckt werden, und ichhoffe Ihnen nächstens Exemplare zu schicken. Aber was werden Siesagen, daß ich schon im voraus Gebrauch davon gemacht habe? Weilich nicht glaubte, daß cS so bald könne gedruckt werden, so gab ich demVerfasser der Briefe über die neueste Litteratur eine Abschriftvon den schönsten Stellen; und wenn Sie das, waS bey Gelegenheit