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Vor itzo empfehle ich mich gehorsamst Ihnen und der Frau Mut-ter und verharre nach abgelegtem Gruße an meine liebe Schwesterund übrigen Geschwister
Dero
Berlin, gehorsamster Sohn
den 12 JuniuS Gotthold.17S9.
An Gleim.
Liebster Freund,
Sie haben mich auch sehr lange in der Ungewißheit gelassen, obder Grenadier mit meinem Urtheile über seinen PhilotaS zufrieden ge-wesen. So viel wußte ich zwar voraus, daß er meine Freyheit nichtübel nehmen würde, denn einem Soldaten ist eS schon recht, wennman mit ihm von der Leber wegspricht. Er soll es ehestens sehen,was ich mit seiner Arbeit gemacht habe; »nd ich verlasse mich aufIhre Versicherung, daß es ihm gleich viel ist, was für einen Ge-brauch ich davon machen werde: wie er sich denn Gegentheils aufmeine Hochachtung gegen ihn verlassen kann, daß ich nichts damit vor-nehmen werde, was seiner Ehre nachthcilig seyn könnte. Das schrei-ben Sie ihm; — vor allen Dingen aber schreiben Sie ihm, wie sehrich ihm für das poetische Geschenk verbunden bin, das er mir ausIhrem Domkeller hat machen lassen. Ich weiß mich itzt nicht besserdafür zu bedanken, als daß ich bey jedem Glase seine Gesundheit trin-ken, oder wenigstens mit einschließen will. Wie viel Muth, wie vielHerz werde ich mir für ihn trinken! Und wie doppelt gut würde mirdas Wcinchen schmecken, wenn Sie zu uns kämen, und ihn mit unskönnten auStrinkcn helfen! Auf meiner Sommerstube sollte es Ihnengewiß nicht mißfallen. Nur glauben Sie um Gottes willen nicht,daß ich da arbeite. Ich bin nie fauler, als wenn ich in dieser meinerEinsicdcley bin. Wenn cS hoch kömmt, mache ich Projecte: Projektezu Tragödien und Komödien; die spiele ich mir dann selbst in Gedan-ken, lache und weine in Gedanken, und klatsche mir auch selbst inGedanken, oder vielmehr lasse mir meine Freunde, auf deren Beyfallich am stolzesten bin, in Gedanken klatschen.
Aber haben Sie sich nicht gewundert, wie frey ich mit Ihnenumgehe? Ich behielt ein Eremplar von Ihren Minnesingern, ohneum Erlaubniß gebeten zu haben. Ich war gar zu begierig darauf; im