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Lessings Briefe. 1769.
An Rciskc.
ES geschieht mit dem größten Vergnügen, daß ich Euer Hochcdcl-gebohrcn anbei meine Aldiuischc Ausgabe des Demosthcncs übersende.Ich habe sie bloß wieder zurückgekauft, weil ich nicht wußte, daß Sieselbst der Liebhaber wären, der darauf bieten ließ, und ich sie nichtin Hände kommen lassen wollte, aus welchen sie dem neuen Heraus-geber dieses Griechen nicht so leicht zukommen dürfte. Sie ist zuIhrem Gebrauch, auf so lange Zeit Sie wollen; und ich wünsche nur,daß sie die Mühe und Zeit belohnen mag, welche ein Mann daraufwenden wird, der aus seinem Kopfe mehr nehmen kann, als er auchvon dem Gelehrtesten dabei angemerket finden könnte. ES ist mirschlechterdings unbekannt, wessen Hand es ist, der nicht allein dieDruckfehler sorgfältig darinn verbessert, sondern auch manche richtigereLesarten dabei citirct hat, die bekannt gemacht zu werden verdienen, siemögen nun ans Vermuthung oder aus ältern Handschriften geflossenseyn. Zwar vielleicht sind sie schon bekannt: denn ich habe nicht dieTavlorsche Ausgabe, sondern nur hin und wieder die Wölfische damitzu vergleichen Zeit und Gelegenheit gehabt. Die größten Anmerkungen,die da und dort zur Erläuterung beigefügt sind, könnten wohl garStellen des Ulpianö seyn. Denn ich bekenne, daß ich das wenigstezu entziffern fähig gewesen bin: besonders da sie bei einem neuen Be-schneiden des Buchs gelitten haben. Ich bin begierig das Zuvcrläszigcrchierüber von Euer Hochcdclgcbohrncn zu erfahren.
Da ich übrigens kaum geglaubt hätte, Euer Hochedelgebohrnenauch nur dem Namen nach bekannt zu seyn, so muß mir der Beifall,dessen Sie meine leichte Arbeiten würdigen, desto schmeichelhafter seyn.Ich hatte lange gewartet, ob sich niemand an den plumpen Goliathder gelehrten Philister machen wolle: endlich konnte ich seinen dummenHohn unmöglich länger ertragen, ohne ihm ein paar Steine aus mei-ner Tasche an den Kopf zu werfen. Getroffen haben sie: ob er sieaber fühlen wird, das kömmt auf seinen dicken Schcdcl an. Ich weißwohl, daß ihn wahre Gelehrte jederzeit verachtet haben, aber das weißich nicht, ob ihre stillschweigende Verachtung genug ist, das Publikum,welches er verwirret, an ihm zu rächen. Einer sollte doch endlich dieStimme erheben. Und wahrlich, wenn keine, oder doch so wenige,von meiner Seite zu seyn öffentlich bezeigen, so fürchte ich, er hatmich, mit seinen in ganz Deutschland zerstreuten Spießgesellen in kur-