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Lcsstngs Briefe. I/Ki».
An Nicolai.
Liebster Freund,
In drey Wochen längstens muß der zweyte Theil der antiquari-schen Briefe fertig seyn. In dieser Zeit werde ich auch mit dem drit-ten Theile fertig, so daß sogleich damit fortgefahren werden kann.WaS ich davon nicht selbst abgedruckt abwarten kann, werde ich mitallem Fleiße abgeschrieben zurücklassen. Denn länger als noch denkünftigen Monat will und kann ich mich hier nicht verweilen. MeinWeg soll von hier nach Göttingcn, Casscl und Nürnberg gehen. Obvon da weiter über Wien , das weiß ich selbst noch nicht. Wenigstensdenke ich gar nicht mehr daran, mich in die geringste Verbindungeinzulassen.
Mit der Recension meines Laokoon in dem letzten Stücke IhrerBibliothek, kann ich sehr wohl zufrieden seyn. Ich denke, daß ich denNamen des Recensenten schon weiß. Aber was gehen mich Namenan? Die Person werde ich doch nicht kenne» lernen.*) Wenn er dieFortsetzung meines Buches wird gelesen haben, soll er wohl finden,daß mich seine Einwürfe nicht treffen. Ich räume ihm ein, daß Ver-schiedenes darin nicht bestimmt genug ist, aber wie kann cS, da ichnur kaum den Einen Unterschied zwischen der Poesie und Malercv zubetrachten angefangen habe, welcher aus dem Gebrauche ihrer Zeichenentspringt, in so fern die einen in der Zeit, und die andern im Raumeeristicen? Beyde können eben sowohl natürlich, als willkührlich seyn;folglich muß eS nothwendig eine doppelte Malercv und eine doppeltePoesie geben: wenigstens von beyden eine höhere und eine niedrige Gat-tung. Die Malcrey braucht entweder coexistirende Zeichen, welche na-türlich sind, oder welche willkührlich sind; und eben diese Verschieden-heit findet sich auch bey den consecutiven Zeichen der Poesie. Denn cSist eben so wenig wahr, daß die Malercv sich nur natürlicher Zeichenbediene, als eS wahr ist, daß die Poesie nur willkührliche Zeichenbrauche. Aber das ist gewiß, daß je mehr sich die Malercv von den na-türlichen Zeichen entfernt, oder die natürlichen mit willkührliche» ver-mischt, desto mehr entfernt sie sich von ihrer Vollkommenheit: wiehingegen die Poesie sich um so mehr ihrer Vollkommenheit nähert, jemehr sie ihre willkührliche» Zeichen den natürlichen näher bringt.
°) Es ist die Frage, ob Lcssing auf den rechten Name» gcralhc» hat;die Recension ist von Garve. Nicolai-